Zug um Zug

29 12 2011

Location: zwischen Teheran und Weißwasser
Wetter: eher kalt als warm
Zeitunterschied: von +2,5 Std. bis 0 Std.

1. Trans-Asia-Express / Teheran-Istanbul – 72 Std.
Gespannt warteten wir seit gut zwei Stunden im Terminal 2 des Teheraner Bahnhofs auf die Aufforderung zum Besteigen des Zuges. Um uns die Zeit zu vertreiben, scannten wir schon einmal im Wartesaal die Gesichter der anderen Reisenden und frugen uns, wer sich wohl ein Abteil mit uns teilen wird. Gegen 21:30 Uhr fiel der Startschuss. Bei der Taschenkontrolle der iranischen Polizei fielen wir glatt durchs Raster. „You German“? Ohne groß Notiz von uns zu nehmen, winkt uns der Polizist durch die Kontrollstelle. Wie wir später erfuhren, wird vorrangig nach Alkohol und erotischen Filmen gesucht. Wie der Beamte richtig erkannt hatte, haben wir mit solch verruchten und lasterhaften Dingen nichts am Hut.
Der Schlafwagen der iranischen Bahn war nicht der Neuste kann aber durchaus als ordentlich und geräumig beschrieben werden. Mit vier ausziehbaren Sitzen unten und zwei  Klappbetten oben war er mehr als geräumig. Genug Platz… nur für uns zwei…???
Schon auf den ersten Anblick wirkte sie zu modern für die durchschnittliche iranische Frauenwelt. Der Schleier verhüllte nur die Hälfte ihres Kopfes, sodass die rot gefärbten Haare mehr als deutlich sichtbar waren. Die Designerbrille Modell „Fensterrahmen mit schwarzweißer Konträrlackierung“ passte ebenfalls nicht zur typischen iranischen Uniformität, hatte sie doch mindestens eine Farbe und vier Ecken zu viel.
Nachdem auch sie ihren Platz im Abteil gefunden hatte und wir alle bequem saßen, starteten wir mit zaghaften Kommunikationsversuchen. Ein Problem galt es aber zunächst einmal zu lösen: drei Personen beherrschen fünf Sprachen und verstanden sich trotzdem nicht. Um eine erste Brücke zu bauen, wählten wir eine Methode die schon seit Urzeiten Menschen zusammenbringt – Das Reichen von Speis und Trank – versteht jeder und ist meist selbsterklärend. Nach ein paar nonverbalen Gesprächsminuten mit jeder Menge Essen waren zumindest die Rahmendaten ausgetauscht. Omera, wie unsere Mitreisende hieß, ist Iranerin, lebt aber seit Jahren in der Türkei. Sie hatte ihre Eltern besucht und fuhr nun wieder nach Ankara zurück.
Die erste Nacht im Zug war schnell vorbei. Am Morgen stand das Zugpersonal pünktlich um 08:30 Uhr vor der Tür und servierte das Frühstück. Omera versorgte uns obendrein auch noch mit Kaffee, Brot, Marmelade und Käse und schlüpfte so Schritt für Schritt in die Rolle unserer Mutti im Zug.
Am Nachmittag erreichten wir die iranisch – türkische Grenze bei Razi / Kapiköy. Zunächst konnten wir wiedermal die Uhren zurückstellen und zwar um 1,5 Std. und waren so der Heimat Deutschland zeitlich ein weiteres Stück näher gekommen. Die Grenzkontrolle zog sich dann über 4 Stunden hin und nervte zum Schluss gewaltig. Am Abend setzte sich der Zug wieder in Bewegung und fuhr weiter in Richtung „Van“. In der Stadt „Van“, welche vor kurzem durch ein schweres Erdbeben heimgesucht wurde, wartete eine Besonderheit der Reise auf uns. Wir mussten vom Zug auf eine Fähre umsteigen. Bei leichten Minusgraden überquerten wir zur nächtlichen Stunde in knapp 5 Stunden den „Lake Van“. Nach unserer Ankunft am Morgen in „Tatvan“ bestiegen wir den türkischen Zug, der uns in Richtung Istanbul bringen sollte.
Wie beschäftigten wir uns so den ganzen Tag? Eigentlich wechselten sich Schlafen, Essen und aus dem Fenster gucken immer wieder ab bis es wieder dunkel wurde und die Abfolge von vorn begann. Nach hinten wurde es schon ganz schön langweilig. Am Mittag des dritten Tages verließ uns dann Omera, nachdem wir in Ankara eingetroffen waren. Wir saßen noch neun weitere Stunden im Zug bis wir unser lang ersehntes Ziel Istanbul erreicht hatten. Nach der Ankunft im alt ehrwürdigen Istanbuler Bahnhof „Haydapassa“ mussten wir zunächst mit der Fähre zum europäischen Teil Istanbuls übersetzen. Nach weiteren vier Stationen mit der Straßenbahn und zehn Minuten Fußmarsch standen wir endlich unter der Dusche in unserem gemütlichen Hostel unterhalb der „Hagir Sofia“.

In Istanbul vertrieben wir uns die nächsten zwei Tage mit ein wenig Sightseeing und dem Versuch Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Dieser scheiterte aber nach einigen Stunden, da wir keine Menschenmassen auf Basaren und in Einkaufszonen mehr vertragen konnten. Die Stadt ist übrigens wirklich sehenswert und wunderschön. Wir empfehlen aber trotzdem die wärmeren Monate für einen Besuch, um Istanbul im strahlenden Grün erleben zu können. Ein sehr gutes Ziel für ein verlängertes Wochenende, wie wir meinen.

2. Bosporus Express / Istanbul – Bukarest – 21 Std.
Gerade einmal drei Waggons fanden wir am späten Abend am Istanbuler Bahnhof „Sirkeci“ vor, als wir den Zug mit dem hochtrabenden Namen „Bosporus Express“ erreichten. Zwei Wagen der türkischen und einer der rumänischen Eisenbahn standen zur Abfahrt bereit. Der dunkelrote rumänische Wagen beherbergte unsere Betten. Das Innere überraschte uns dann aber positiv. Unser Abteil war ein Schmuckstück aus längst vergangenen Tagen. Die Kabine war komplett mit dunklem Holz getäfelt, ein Waschbecken mit Spiegelschrank in der Ecke, zwei geräumigen Betten und jede Menge nützliche Details gehörten zur Ausstattung. Bei näherer Betrachtung stellten wir fest, dass das gute Stück irgendwann der Deutschen Bahn gehörte.
Pünktlich um 22:00 Uhr startete unsere nächste Zugreise gen Heimat. Gleichzeitig öffneten wir ein Fläschchen Rotwein, um den Abend gemütlich ausklingen zu lassen, bevor wir müde in die Betten fielen. Grau in Grau bestimmte den gesamten nächsten Tag als unser Zug von Süd nach Nord Bulgarien durchquerte und Kurs auf Bukarest nahm. Auch auf rumänischer Seite wurde es später nicht besser. Mit nur 30 Minuten Verspätung erreichten wir Bukarest, die Hauptstadt Rumäniens. Nach unserer Ankunft kauften wir zunächst die Tickets für den nächsten Abend nach Budapest. Bei strömenden Regen verließen wir den Bukarester Nordbahnhof und begaben uns auf die Suche nach dem Bus in Richtung unseres Hostels. Trotz widriger äußerer Bedingungen bahnten wir uns den Weg bis zu unserer Unterkunft, wo wir den Abend mit Internet und georderter Pizza ausklingen ließen.
Den nächsten Tag nutzten wir zu einer kleinen Runde durch die Stadt. Unser erstes und einziges geplantes Ziel war das rumänische Parlamentsgebäude. Wer sich noch an unseren Bericht aus Peking erinnert, dem wird vielleicht auch noch der beiläufig erwähnte Gigantismus eines gewissen Nicolae aus Bukarest etwas sagen. Dieses Gebäude begründete diesen. Der riesige Palast, welcher übrigens das zweitgrößte Gebäude der Welt nach dem Pentagon ist, verfügt über mehr als 5.100 Räume auf einer Grundfläche von 65.000 m². Wer hier Hausmeister werden möchte, benötigt neben einem Studium der Bauwissenschaften auch einen ehrlich erworbenen Doktortitel im Bereich der Kartographie. Defizite in diesem Bereich werden durch das Gebäude meist durch Einsamkeit bis zum Eintreten des Hungertods bestraft.
Bukarest überraschte uns wirklich angenehm. Im Voraus hatten wir uns die Stadt irgendwie unansehnlicher vorgestellt, warum auch immer. Dies ist aber auf keinen Fall zutreffend. Zumindest die Innenstadt verfügt über eine große Anzahl an alten restaurierten Gebäuden und erinnert in Teilen stark an Wien oder Paris. Wenn dann noch im Frühjahr das Grün der Pflanzen hinzukommt, ist auch Bukarest ein lohnendes Ziel für den Wochenendtrip.

3. Bukarest – Budapest - 15 Std.
Am Abend, kurz vor unserer Abreise nach Budapest, fühlten wir uns etwas gerädert. Angie quälten wiedermal Gelenkschmerzen am ganzen Körper und bei mir fuhr der Magen – Darmtrakt ausgiebig Achterbahn. Im Großraumabteil der rumänischen Bahn nahmen wir an einer vierer Sitzgruppe mit Tisch Platz und begossen die Abfahrt gleichmal mit einer Flasche „Rotes Wässerchen gewachsen am lehmigen Südhang“. Und dieses wirkte Wunder. Angie schlief nach der Einnahme direkt ein und ich konnte in Ruhe diese Zeilen schreiben, nachdem Besuch der saubersten Zugtoilette unser gesamten Reise. Die für unsere Verhältnisse recht kurze Fahrt durch die verschneiten rumänischen und ungarischen Landschaften fand am Morgen ihr Ende am Bahnhof Keleti in Budapest. Da es am Abend bereits weiter nach Berlin gehen sollte, sparten wir uns natürlich ein Hotel in der ungarischen Hauptstadt. Die fehlende Dusche konnten wir ein wenig später an anderer Stelle genießen. Nachdem unser Gepäck am Bahnhof verstaut war, machten wir uns auf den Weg zum wohl bekanntesten Thermalbad in Budapest – dem „Gellèrt Bad“. Auf den ersten Blick versprüht diese Institution des mondänen Badesspasses auch noch den Charme längst vergangener Tage. Beim Betreten der heiligen Hallen setzte dann aber auch bei uns die Ernüchterung ein. Neben dem unfreundlichen Personal ließ die Sauberkeit sowie der allgemeine Zustand des Bades zu wünschen übrig. Zumindest waren wir geduscht. Nach dem Badevergnügen liefen wir an der Donau entlang in Richtung der Fischer Bastei und statteten dieser noch einen kurzen Besuch ab, bevor wir zum Bahnhof zurückkehrten.

4. Budapest – Berlin – 13 Std.
Ein kalter Wind pfiff um die Ecken im Budapester Stadtteil Keleti, als wir den „Spar Markt“ in der Nähe des Bahnhofs verließen. Bis auf ein paar Münzen hatten wir all unser Papiergeld in Flaschen und Büchsen eingetauscht, welche uns die letzten 13 Stunden bis Berlin verkürzen sollten. Schon beim Bezug unseres sechser Abteils informierten wir uns beim Schaffner darüber, wie lange am heutigen Abend Party möglich ist. Zu unserem Leidwesen sollten die nächsten Fahrgäste bereits in Bratislava zusteigen, sodass wir für die Leerung unserer Getränke nur knapp 2,5 Std. Zeit hatten, bevor die Betten herunter geklappt werden sollten. Mit dem Erreichen von Bratislava waren bei uns aber bereits alle Messen gesungen. Ein Geruch aus Bier und Wein lag in der Luft und begrüßte unsere Mitreisenden, die wahrscheinlich gleich einen guten Eindruck von uns bekamen. War uns zu diesem Zeitpunkt auch egal. Wir drehten uns um und schliefen weiter. Als wir am Morgen aufwachten, standen wir gerade im Bahnhof von Dresden. Der rote Traubensaft hatte wieder ganze Arbeit geleistet.
Da lag sie nun vor uns… die Heimat. Irgendwie konnten wir aber noch nicht so richtig realisieren wieder zu Hause zu sein. Es fühlte sich für uns zunächst wie die Ankunft in jedem beliebigen anderen Land an… noch. Gut eine Stunde später sollte sich das aber grundlegend ändern. Dazu aber beim nächsten Mal mehr.

Wir verbleiben mit ganz lieben Grüßen

Eure zwei Weltreisenden
Angie & Thomas

Weather: Temperature 7 °C, Humidity 56%, n/a


Iranische Bekanntschaften

19 12 2011

Location: Iran
Wetter: tagsüber warm, nachts kalt
Zeitunterschied: + 2,5 Std.

Wer in den Iran reist, sollte im Voraus keine allzu großen Reisepläne schmieden. Spätestens mit der Ankunft im Land sind all diese Absichten Makulatur. Der Grund dafür ist die unglaubliche Gastfreundschaft der Iraner. Wer nicht mindestens einmal am Tag von einem freundlichen Einheimischen zu einer Stadtführung oder nach Hause eingeladen wird, sollte schleunigst überprüfen, ob er sich noch im Iran befindet. Eine solche Herzlichkeit der Menschen ist uns schon einmal auf unserer Reise begegnet – in Kolumbien. Ein sehr positiver und angenehmer Nebeneffekt für uns Touristen, den man oft in Ländern findet, in denen die Menschen aufgrund von Krieg oder Unterdrückung enger zusammenrücken müssen.

Bevor wir unser Flugzeug in Richtung Iran überhaupt besteigen konnten, hatten wir schon eine nette iranische Familie kennengelernt. Diese befand sich gerade auf der Rückreise aus ihrem ersten und gleichzeitig auch letzten Indienurlaub. Die Duplizität der Indienerfahrungen fanden wir schon sehr lustig –„Incredible India“. Da die Iraner aufgrund des internationalen Embargos derzeit ein wenig ab vom Schuss liegen und sich kaum jemand für sie interessiert, ein paar ausländische Streitkräfte mal ausgenommen, verspüren die Menschen das Bedürfnis jeden Ausländer der ihnen begegnet nach seiner Meinung zu Land und Leute zu befragen. Auch Informationen aus dem Land des Gastes wecken das ungebremste Interesse der Menschen. Und wer erst mal an der verbalen Angel hängt, erfährt dann auch meist das volle Programm an Gastfreundschaft der Perser.

Nachdem wir Shiraz erreicht und eine Unterkunft gefunden hatten, begaben wir uns auf eine erste Entdeckungstour in die Stadt. Es wirkt alles sehr aufgeräumt hier, wenn gleich die Architektur aus neuerer Zeit keinen Anspruch auf einen Schönheitspreis hat. Beim Gang durch die Straßen werden wir mit großem Interesse beäugt und gemustert. Einige Menschen trauen sich uns anzusprechen – die erste Frage gilt immer der Herkunft. Germany… Germany… ist das Schlüsselwort, um das Eis zu brechen. Kein Ami – alles super. Deutschland wird geliebt und vergöttert wie auch im Rest der Welt, mit Ausnahme Europas. Wir laufen weiter. Der Schleier der Frauen wird in Shiraz eher laissez faire getragen, was auch Angie entgegen kam. Die meisten Frauen hier sind sehr modern und stehen denen in Europa in nichts nach. Auf der Suche nach einem bekannten traditionellen Restaurant wenden wir wieder die alte Taktik an. Reiseführer in der Hand und einfach mal dumm rumstehen. Es dauerte keine Minute bis Hilfe nahte. Ein netter junger Mann stellte sich uns vor und bot seine Dienste an. Funktioniert doch. Auf dem Weg zum Restaurant erzählen wir ihm als Gegenleistung einiges von uns und aus der weiten Welt. Das Lokal ist schnell gefunden, aber leider noch geschlossen. So bleibt noch Zeit für eine kostenlose Führung über den wunderschönen Bazar-e Vakil in Shiraz. Wir schreiten gemeinsam die alten und gut erhaltenen bogenförmigen Gänge ab und bekommen dazu jede Menge an Erläuterungen zur Anlage und den darunter befindlichen Auslagen. Ein wirklich hübscher farbenfroher Markt ohne Kitsch und nervige Verkäufer, ein eher seltenes Erlebnis in Asien. Zu guter Letzt werden wir an einem traditionellen Teehaus abgesetzt, wo wir die restliche Zeit bis zur Öffnung des Restaurants überbrücken können. Eine wirklich sehr nette Geste des uns unbekannten Mannes. Dankeschön.

Wir lernten „Mehdi“ bereits im Flugzeug nach Shiraz kennen, wo wir uns Sitzreihe 4 D bis F teilten. Bei dem netten Gespräch im Flieger hatte er uns bereits zu einem Ausflug am Wochenende eingeladen, natürlich nur wenn wir Zeit hätten. Eigentlich hatten wir keine Zeit, aber die örtlichen Busgesellschaften gaben sie uns. Da wir keine Tickets für den Bus am islamischen Wochenende  bekamen, durften wir „notgedrungen“ einen Tag in Shiraz verlängern.

Am Freitagmorgen holte uns Mehdi am Hotel ab. Gemeinsam mit seinem Freund Ali fuhren wir zum Wochenendhäuschen seiner Familie außerhalb der Stadt. Für uns wie auch für die beiden Iraner eine gut Gelegenheit, um mal alle möglichen Informationen auszutauschen. Die beiden noch ledigen aber leierten Männer erzählten uns zunächst einmal wie das mit der Brautsuche im Iran so funktioniert. Und so erfuhren wir, dass es sowohl den traditionellen als auch den modernen Weg gibt. Beim Ersteren sucht der Vater die Braut aus und arrangiert alles, Version zwei ermöglicht die selbstständige Suche, wie wir das auch kennen. Ein Problem stellt sich aber bei beiden Vermählungsarten. Der Brautvater handelt eine Mitgift für` s Töchterchen aus. Wer wie die Beiden dann recht wohlhabend ist, kann schon mal 1 Million US-Dollar loswerden (kein Scherz), wenn er noch heiraten möchte. Da Mehdi der Betrag zu viel für eine Frau ist, scheiterten bisher auch immer die Ehevertragsverhandlungen. Mit einer Freundin kommt er aber auch ganz gut klar, erklärte er uns. Auch das Ausleben der im Iran strikt untersagten Dinge, wie Alkoholgenuss, Tanzen und Konzerte, brachte einige lustige Geschichten ans Tageslicht. Wie immer bei Verboten werden diese umgangen und hinter verschlossenen Türen oder im Ausland ausgelebt. Zustande kommen dabei regelrechte Vergnügungswochen in Thailand, die dann unserem „Ballermann“ Urlaub in nichts nachstehen. Wenn das der „Ajatollah Chomeini“ wüsste. Bezüglich des Themas iranische Regierung brauchten wir uns nicht lange zu unterhalten. Kurz gesagt: Keiner kann sie leiden, aber alle halten ihre Meinung dazu in der Öffentlichkeit zurück.

Nach gut einer Stunde erreichten wir das Anwesen der Familie. Wir wurden bereits erwartet und so dauerte es nicht mehr lange bis das BBQ auf dem Tisch stand. Für den Iran typisch werden große Mengen an Fleisch angeboten, vorzugsweise Lamm und Huhn sowie manchmal Kamel. Das auf  flachen Eisenspießen gebratene Fleisch wird übrigens „Kebab“ genannt. Dazu gibt es in der Regel ein bisschen Gemüse mit Fladenbrot oder Reis. Wir ließen uns das Essen, welches übrigens von Mehdi `s Vater und seinen Freunden zubereitet wurde, genüsslich schmecken. Im Anschluss unternahmen wir noch zu viert eine Tour in die Umgebung bevor wir zum Haus zurückkehrten. Dort hatten wir dann nochmal richtig Spass. Gemeinsam mit den älteren Männern spielten wir Karten, rauchten Shisha und ließen uns einige typische Leckereien schmecken. Und so klang ein richtig netter Tag im Kreise von Mehdis Familie und Freunden gemütlich aus. Die Frauen hatten an diesem Tag übrigens einen eigenen Ausflug gemacht. Normalerweise sind sie auch dabei.

Yazd, eine Stadt weiter nördlich war unsere nächste Station auf dem Heimweg. Leider hatten wir nicht ganz so viel von dem Ort, da uns schon in Shiraz die Tabletten gegen die Gelenkentzündungen (Folge der Röteln) ausgegangen waren. Da wir kaum laufen konnten, mussten wir erstmal den nächsten Tag abwarten, um mit Hilfe unseres netten Hoteleigners eine neue Packung Medikamente besorgen zu können. Bis wir wieder gehfähig waren, verstrich der halbe Tag. Und so blieb uns nur noch der Abend, um ein wenig in der Stadt rumzuschwänzeln. Wir schauten uns dabei im abendlichen Treiben die zwei bedeutendsten Moscheen der Stadt an und schlenderten über den Basar und in den engen Gassen der Altstadt.

Den letzten Stopp auf dem Weg gen Teheran legten wir in Esfahan ein, die vielleicht touristischste Stadt im Iran. Neben jeder Menge wunderschöner alter persischer Bauten fanden wir auch ganz viele Menschen, die kein Englisch sprachen. Schon die Taxifahrt vom Busbahnhof bis zum Hotel war daher eine Mischung aus einem verbalen Schlagwortaustausch im Persischen und wildem Gestikulieren. Zum Glück fanden wir das Hotel, aber auch ein weiteres Problem. Kostet das Zimmer jetzt „ninety“ oder „nineteen“ Dollar – eine stattliche Summe Unterschied, die ein kleiner Fehler bei der Aussprache so erzeugen kann. Wir einigten uns zum Schluss und fanden einen Betrag irgendwo in der Mitte.

Am Morgen des nächsten Tages verliefen wir uns erstmal in den Gängen des Bazar –e Bozorg und waren heilfroh als wir wieder Örtchen fanden, die auch unser Reiseführer auswies. Auf dem zentralen Platz der Stadt, dem Imam Square schlenderten wir den gesamten Vormittag umher. Neben jeder Menge iranischem Kunsthandwerk konnten wir auch verschiedene Moscheen und Paläste bestaunen, die sich im Umfeld des Platzes befanden.

Der vorabendliche Spaziergang führte uns zu einem weiteren bekannten Bauwerk der Stadt – der „Si-o-Seh“ Brücke, die wohl schönste unter den alten Brücken der Stadt. Nach unserer kleinen Besichtigungstour kehrten wir noch zum Abschied in ein traditionelles Restaurant ein und ließen uns einen Kebab schmecken.

Die Zeit drängte langsam, lagen doch noch etliche Kilometer zwischen uns und der Heimat. Vier volle Reisetage standen an. Zunächst fuhren wir am Morgen von Esfahan gut sechs Stunden mit dem Bus bis in die Hauptstadt Teheran. Bis zur Abfahrt unseres Zuges am Abend hatten wir noch ein wenig Zeit, die wir nutzen wollten, um wenigstens ein bisschen von der Stadt anzuschauen. Mit der knüppelvollen Metro ging es in Richtung Zentrum. Wir stiegen irgendwo in der Stadtmitte aus und suchten das im Reiseführer ausgewiesene Internetcafé. Bei unserer Suche sprach uns plötzlich ein iranischer Geschäftsmann in astreinem Deutsch mit leichtem sächsischem Dialekt an und bot seine Hilfe an. Nach einem kurzen Telefonat wies er uns den Weg zu seiner Firma, wo schon ein Mitarbeiter auf uns warten würde. Dort könnten wir dann das Internet auf einem Firmen PC nutzen. Wir waren erstmal baff… nahmen aber natürlich das Angebot dankend an. Der Herr ist übrigens in Leipzig aufgewachsen und hat viele Jahre dort gelebt. In der Firma wurden wir von einem sehr freundlichen Mitarbeiter empfangen. Während Angie die E-Mails checkte, unterhielt ich mich mit dem Mitarbeiter über Gott und die Welt. Das kleine Unternehmen (Iran Part Services) vertreibt übrigens Behindertenausstattungen für Fahrzeuge sowie behindertengerechte Komplettumbauten für PKW und Nutzfahrzeuge. Der Mitarbeiter half uns auch noch im Anschluss ein gutes Restaurant in der Umgebung zu finden und beendete dafür auch noch seine Arbeit früher. Wir hoffen, dass der Chef dafür Verständnis hat. Die Hilfe war aber bitter nötig. Ohne das Übersetzen hätten wir auf die Karte der Pizzeria geschaut wie das Schwein ins Uhrwerk – alles war in Persisch verfasst. So konnten wir wenigsten ein Wunschessen ordern. Von hier aus möchten wir uns nochmals ganz herzlich für die Hilfe bedanken, sowohl beim Mitarbeiter als auch beim Chef der Firma. Wir haben leider keine Namen von ihnen und würden uns daher sehr freuen, wenn sie uns mal eine E-Mail zukommen lassen. Eine Visitenkarte von uns hatten wir ja hinterlassen. Auf dem Weg zur Metro zurück trafen wir übrigens auf einen weiteren Iraner der Deutsch sprach. Er lebt eigentlich in Stuttgart und weilt derzeit nur zu Besuch hier.

Der Abend nahte und somit auch unsere Abfahrt mit dem Zug von Teheran aus. Gut 70 Stunden Bahnfahrt bis Istanbul lagen nun vor uns. Ein weiterer großer Schritt der uns unserem Ziel Deutschland näher bringen wird. Von den Erlebnissen während der Zugfahrt berichten wir dann im nächsten Bericht. Bis dahin alles Gute

Eure zwei Weltreisenden

Angie & Thomas



Auf Stippvisite im Land der Scheichs

18 12 2011

Location: Iran
Wetter: kühl und trocken
Zeitunterschied: + 2,5 Std.

Seit dem 2. Dezember reisen wir unserem Heimaturlaub entgegen und haben bereits unseren ersten Stopp auf dem Weg dorthin in den Vereinigten Arabischen Emiraten eingelegt. Die Emirate, welche von Backpacker meist nur zum Umsteigen in einen anderen Flieger genutzt werden, waren für uns sechs Tage lang ein angenehmer Ort, um nach unserem Indienaufenthalt Kraft zu tanken. Aber nicht nur das. Wir hatten ebenfalls die Weiterreise zu planen. Unserer ursprünglichen Idee folgend wollten wir mit der Fähre vom Emirat „Sharjah“, wo sich auch unser Hotel befand, in das iranische Bandar Abbas übersetzen. Aufgrund der langen Wartezeiten am Fährterminal in Sharjah entschieden wir uns dann doch dazu, mit dem Flugzeug nach Shiraz im Südwesten Irans zu fliegen.

Im Anflug auf Dubai sahen wir schon fast die Landebahn als der Pilot nochmal Vollgas gab, die Nase hochzog und die ganze Kiste wieder gen Himmel schüttelte. Als „Gerneflieger“ mit Absturzangst hatten wir einen Moment lang das Herz in der Hose. Zum Glück ging ja alles glatt, auch für das andere Flugzeug was uns zu nah kam. Es war übrigens so nah, dass wir ganz deutlich die Piloten sahen, als die Maschine vor uns einlenkte.

Angenehme 25 Grad Celsius wehten uns tagsüber in den Emiraten ins Gesicht, und so nutzten wir die letzte Möglichkeit in diesem Jahr, um noch einmal Sonne zu tanken. Zwar sind die Emirate nicht gerade für Strandurlaub bekannt, nichtdestotrotz lässt es sich in den zahlreichen Beachparks gut entspannen. Des Weiteren war es recht interessant zwischen Igor, Olga, Natascha und Wladimir zu liegen und das Innenleben russischer Beziehungen zu studieren. Neben den indischen Gastarbeitern, welche übrigens sehr nett und freundlich hier sind, stellen die russischen Touristen die zweit größte Bevölkerungsgruppe in den Emiraten dar. Zwar wechselt diese Gruppe ständig ihre Mitglieder, hält aber insgesamt ihre Anzahl konstant. Ebenfalls fiel uns auf, dass sehr viele arabische Mitarbeiter in den Shopping Malls zwischenzeitlich Russisch gelernt haben, um dem „ja ne panemaju“ (ich verstehe nichts) ihres Gegenüber etwas entgegen zu setzen. Und so haben die Bürger der Russischen Föderation in Dubai die Möglichkeit ein uneingeschränktes Shoppingerlebnis ohne Sprachbarriere zu genießen. Da stört es dann auch nicht, wenn hier alles viel teurer als in Europa oder Asien ist.

Wir hätten es schon vorher wissen können, dass sich auch in Punkto der traditionellen Wüstentouren einiges verändert hat. Zunächst ging es mit dem Jeep eine halbe Stunde durch die Wüste bevor wir ein Verkaufsareal für typische Produkte dieser Region erreichten. Zum Glück waren auf dem Gelände auch ein paar lustige Esel heimisch mit denen wir uns die Zeit vertreiben konnten. Im Anschluss fuhren wir mit einem Jeep durch die Dünen bis wir das „typische“ Beduinencamp erreichten. Dort wartete dann eine zweisprachige traditionelle Veranstaltung (englisch/russisch) auf uns, die allerdings über die Jahre schon viel an Reiz verloren hat. Angie hatte bereits 2005 eine solche Tour unternommen und war etwas enttäuscht. Wir machten das Beste daraus und vergnügten uns beim Kamelreiten und Shisha rauchen. Später ließen wir uns das Essen im Camp schmecken. Insgesamt können wir diese Veranstaltungen nicht mehr uneingeschränkt empfehlen, da es eine  Massenabfertigung ist. Wer hier „Exklusivität“ sucht wird recht schnell feststellen müssen, dass er dafür wohl die Einladung in das Camp eines Scheichs benötigt.

Natürlich sahen wir uns auch noch ein wenig in Dubai um. Da wären zum einen die riesigen „Shopping Malls“ mit „Indoorskihalle“ und Riesenaquarien, das höchste Gebäude der Welt- der „Burj Khalifa“ mit seinen 830m Höhe oder auch die aufgeschüttete Palmeninsel zu nennen. Es lässt sich alles ganz nett anschauen hier, vom Hocker hat es uns aber auch nicht gehauen, da irgendwie keine richtige Atmosphäre aufkommen will. Den Grund sehen wir in dem weitläufigen und unstrukturierten urbanen Siedlungsgebiet von Dubai, dass kein geschlossenes Stadtbild erkennen lässt. Da immer noch sehr viel gebaut wird kann sich dies aber in Zukunft ändern. Uns gefällt es daher weiterhin in Singapur am besten. Nichtdestotrotz lohnt es sich die Emirate mal zu besuchen, denn zu entdecken gibt’s hier allemal etwas, und die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.

Nach sechs Tagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten stand unsere Abreise an. Mit dem Flugzeug überquerten wir den Persischen Golf und landeten in der Islamischen Republik Iran – unserem nächsten Reiseziel.

Beim nächsten Mal werden wir euch dann erzählen wie es uns dort erging. Bis dahin alles Gute und ganz liebe Grüße…

Eure zwei Weltreisenden

Angie & Thomas



Zurück auf Los und Weiter

13 12 2011

Location: Dubai – VAE
Wetter: angenehm warm
Zeitunterschied: 3 Std.

Wir möchten euch heute endlich in die Pläne für unsere Heimreise einweihen, da sich einiges an unserer Route gen Deutschland geändert hat. Indien haben wir zwischenzeitlich verlassen und sind in die Vereinigten Arabischen Emirate geflogen. Von dort aus sind wir ebenfalls schon in Richtung Iran aufgebrochen und haben sicher Shiraz im Süden des Landes erreicht. Die nächsten Tage werden wir nun durch den Iran reisen. Von der Hauptstadt Teheran aus geht es im Anschluss mit dem Zug bis nach Istanbul. Das ist eine kleine Weltreise und wird fast drei Tage in Anspruch nehmen. Nach einem Aufenthalt in Istanbul reisen wir in zwei Etappen über Bukarest und Budapest bis nach Berlin, wo wir am Morgen des 23.12.2011 am Hauptbahnhof aus dem Zug steigen werden. Das letzte Stück bis nach Weißwasser wird dann ebenfalls – na klar – per Bahn zurückgelegt. In unserer Heimat werden wir übrigens bis Ende Januar 2012 verweilen, bevor es wieder auf Reisen gehen. Unser Ziel wird dann Afrika sein.

In diesem Sinne: wir freuen uns auf euch, genießt die Vorweihnachtszeit und bis demnächst in der Heimat

Eure zwei Weltreisenden

Angie & Thomas



Indische Verhältnisse

11 12 2011

Location: Dubai
Wetter: angenehm warm
Zeitunterschied: + 3 Std.

Es gibt gelegentlich Momente im Leben die einen an den Rand der Verzweiflung bringen. Egal was man sich auch vornimmt, alles endet mit dem Griff ins „Ideal Standardbecken“. Erwartungshaltungen spielen in solchen Fällen eine große Rolle, schürten sie doch zuvor Fantasien, die uns nun im richtigen Leben nicht annähernd mehr begegnen wollen. Das Wort vom Alptraum macht die Runde. Wo befindet sich nur der Ausweg aus diesem Teufelskreis?

Die Hauptstraße im indischen Grenzort „Sunauli“ kennt keine ruhige Minute. Tag und Nacht quält sich der gesamte Grenzverkehr von und nach Nepal über diese schmale Verkehrsader und hüllt dabei alles in der Umgebung mit einem unansehnlichen Staubteppich ein. Unsere Augen scannen die Gegend nach einem Platz zum Verschnaufen ab. Sekunden später realisieren wir ernüchternd das Ergebnis und stellen die Suche ein. Ein Gefühl des Unbehagens breitet sich in uns aus. Wir chartern ein Sammeltaxi und hoffen auf Besserung in der nächsten Stadt Gorakhpur.

Mit der Ankunft in Gorakhpur hatten wir vor unserem geistigen Auge schon die Tickets für die sofortige Weiterreise gekauft. Wir hatten in unserem Leben zuvor noch keinen ekelhafteren Platz gesehen und so ist es auch keine Beleidigung, sondern nur die Darstellung der Realität, wenn wir dieses Dreckloch beim Namen nennen – „Müllkippe mit Verkehrsstau“. Es kostet schon einiges an Überwindung, sich hier zu bewegen. Der Bahnhof, in dessen Nähe wir abgesetzt worden waren, stellte sich als Zumutung der übelsten Sorte heraus. Keine Ecke wo nicht großflächige braune Flecken die Wände säumten und sich der dazugehörige Gestank breit machte. Auf dem gesamten Gelände lagen oder besser vegetierten Menschen auf dem Boden und warteten auf ihre Züge. Dazwischen spazierten Kühe umher, immer auf der Suche nach irgendetwas Fressbarem und nie um einen Haufen verlegen. Nach einer Weile hatten wir im Außenbereich ein Plätzchen gefunden, wo wir wenigstens unsere Rucksäcke abstellen konnten. Geld holen und weg von hier, mehr Wünsche hatten wir in diesem Moment nicht. Man verzeihe mir den Sarkasmus, aber ich kann nicht anders, denn Indien Fans können so etwas erklären und verständlich machen. Schlagworte wie „spannend“, „im wahren Leben angekommen“, „Kultur und Religion“ und ähnliches fallen dann immer wieder, um die Zustände zu deuten. Mit der gleichen Hingabe könnte man auch auf einer deutschen Müllkippe zelten gehen, um im Kaffeesatz von Frau Müller Hinweise auf die Einzigartigkeit der deutschen Röstung zu suchen.

Beim Blick über das Bahnhofsgelände erkannten wir sie wieder. Die beiden südkoreanischen Mädels saßen schon am Morgen im Bus zur Grenze und später auch im gleichen Sammeltaxi wie wir. Hilflosigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie erzählten uns, dass sie keinen Reiseführer haben, die Hotels in der Stadt absolut eklig seien und eine der Beiden gerade in ein Loch mit der übelsten Brühe gestürzt sei. Nun wollen sie nur noch weg von hier. Vier Blöde – ein Gedanke. Ok, wir fahren weiter nach Varanasi – übrigens ein Witz, den nur Menschen verstehen, die schon beide Städte gesehen haben. Minuten später saßen wir auf zwei Rikschas und ließen uns zum Busbahnhof radeln. Was nun folgte waren gut 7 Stunden Rüttelplatte, was weniger am 30-Jahre alten Bus als an der „Straße“ unter uns lag. Angie war sogar so müde, dass sie es schaffte einzunicken. Als sie aufwachte, sah sie mich völlig verschreckt und schlaftrunken an und frug mich, ob wir noch leben würden. Ich konnte sie zum Glück beruhigen – „ja Angie, noch leben wir“. Gegen halb vier am Morgen erreichten wir Varanasi, eine eher suboptimale Zeit, um in diesem Ort anzukommen. Doch wir hatten Glück. Aufgepasst – „ein für indische Verhältnisse ehrlicher Rikschafahrer“ brachte uns für 60 Rupien (0,87€) vom Bahnhof bis zur Altstadt und erklärte uns auch noch die letzten Meter zu unserem Hotel. Irgendwie verfehlten wir aber doch den richtigen Weg in den engen Gassen und benötigten geschlagene 45 Minuten bis wir unsere Herberge endlich gefunden hatten. Da so früh am Morgen natürlich noch niemand auf uns wartete, öffneten wir die Türen selbst und machten es uns auf der Dachterrasse erst mal bequem.

Varanasi – die heiligste Stadt im hinduistischen Glauben. Jeder Hindu möchte hier im Ganges baden und sich rein waschen, und wenn es das Schicksal gut mit ihm meint, darf er auch hier sterben. Nur so hat er die Möglichkeit den Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt mit einer Verbrennung an den Ufern des Ganges zu durchbrechen. Spötter meinen, die Hindus wollen so eine Wiedergeburt als indischer Müllmann im nächsten Leben verhindern.
Den größten touristischen Bekanntheitsgrad in Varanasi haben die unzähligen „Ghats“ am heiligen Fluss „Ganges“. Dabei handelt es sich um große Treppenabschnitte die zum Fluss hinunter führen. Der Großteil der „Ghats“ dient den Hindus als religiöser Waschplatz. Für die Verbrennungs-zeremonien stehen drei separate Bereiche zur Verfügen. Dort werden dann täglich zwischen 200-300 Menschen auf Scheiterhaufen verbrannt und die sterblichen Überreste dem Ganges übergeben. Schon die reinen Fakten lassen erahnen wie es an den Verbrennungsghats zugeht. Vor allem das „Manikarnika Ghat“, der Hauptverbrennungsort inmitten der Altstadt, zeigt anschaulich wie dicht hier Leben und Tod beieinander liegen. Die Zustände an dieser Verbrennungsstätte sind gelinde gesagt recht gewöhnungsbedürftig. Aufgrund der vielen Verbrennungen täglich türmen sich an der Wasserlinie Berge von Asche mit den menschlichen Überresten sowie Opfergaben. Meine Mitreisende wurde bei diesem Anblick steingrau vor Ekel und äußerte nur noch den Wunsch den Ort verlassen zu können. Auch in den engen Gassen der Altstadt wollte sich kein Wohlbefinden einstellen. Alle Sinne schlugen im Extrembereich an. Auf Barren wurden die Leichen an uns vorbei zum Fluss getragen, der Gestank von verbranntem menschlichem Fleisch mischte sich mit dem von Kot und Urinrückständen. Etwas weiter kam dann der Geruch aus diversen kleinen Garküchen hinzu, sodass unsere Nasen nicht mehr wussten wo vorn und hinten war. Nach zwei Stunden hatten wir genug. Zurück zu unserer Oase, zurück ins Hotel. Am nächsten Morgen charterten wir ein Boot und schauten uns die gesamte Szenerie nochmals vom Fluss aus an. Von hier hatten wir einen guten Überblick auf die einzelnen „Ghats“. Einzig die zwei im Wasser treibenden Kinderleichen schmälerten das Erlebnis. Diese und schwangere Frauen werden nämlich nicht verbrannt, sondern in Leinentücher eingewickelt in den Ganges geworfen.

Was gibt es sonst noch aus Varanasi zu berichten. Fans dieser Stadt werden sicherlich jede Menge Tempel und Oasen der Selbstfindung sowie sonstige spirituellen Orte anführen. Da wir für uns wissen wer wir sind und was wir wollen, brauchten wir keinen Gesangstherapeuten bemühen, der aus uns das hohe Lied des „Ohhhmm“ herausquetscht. Varanasi ist für uns ein Ort den man sich genau einmal anschauen kann. Er ist sehr religiös und das ist auch das Interessante an dieser Stadt. Der Rest ist eklig, dreckig und staubig – kein Ort wo auch nur die geringste Wohlfühlatmosphäre aufkommen kann. Vielleicht zum Abschluss nochmal der Blick auf den Bahnhof. Auf dem Weg dorthin erlebten wir zunächst wieder einmal, wie man uns in Indien wahrnimmt. Wir nahmen uns ein Tuk-Tuk (dreirädriges motorisiertes Gefährt), um zum Bahnhof zu gelangen. Drei Inder sahen dies und sprangen mit auf. Schon unterwegs stellten wir klar, dass der Fahrpreis nun durch fünf Personen geteilt wird. Alle nickten lächelnd. Am Bahnhof gaben die Inder dem Fahrer ihren Teil des Fahrpreises. Wir sahen aber wie dieser ihnen das Geld wieder zurückgab. Im Anschluss verlangte er von uns die 70 Rupien Gesamtfahrpreis. Die Diskussion war dann kurz und schmerzvoll für den Fahrer, den er fiel sprichwörtlich in die Grube, die er für uns ausgehoben hatte. 28 Rupie, mehr gab`s nicht. Da der Rest nicht bezahlt hatte, war es am Ende eine Fahrt ohne Mehrwert aber mit Lerneffekt. Wir merken dazu an, dass es uns ums Prinzip geht und wir nicht einsehen jeden Tag übervorteilt zu werden, besonders in Indien, wo dies scheinbar zum guten Ton gehört.
Der Bahnhof von Varanasi steht dem von Gorakhpur in nichts nach. Das schönste Bild was uns in Erinnerung bleiben wird, war folgendes: Eine Frau in ihrem schönen Sari sitzt zwischen den Gleisen unterhalb des Bahnsteigs und verrichtet ein großes Geschäft. Auf dem Bahnsteig läuft eine Kuh entlang und schnuppert in den Ecken nach Fressbaren. Eine Horde Affen tollt im Gebälk des Daches. Auf dem Bahnsteig gegenüber stehen zwei ältere Affen hintereinander und vollziehen den Geschlechtsakt. Das Rascheln hinter uns kommt von einer furchtlosen Ratte, die sich gerade etwas zu essen aus einer Plastiktüte geangelt hat. Wie immer haben es sich überall Menschen auf dem Boden bequem gemacht und warten auf die Züge. Was gibt es Schöneres als dieser „Garten Eden“.

Die Zugfahrt nach Delhi war eine wirkliche Erholung für uns, hatten wir doch Tickets für die recht komfortable 2- Tier Klasse (4-Bett Abteil) bekommen. Mit zwei Stunden Verspätung erreichten wir Delhi, die Hauptstadt Indiens. Unsere Reise hierher hatte wirklich nur einen Grund. Wir wollten unsere Visa für den Iran abholen. Ja richtig gehört. Wir werden der „Achse des Bösen“ einen Besuch abstatten.;) Die Beantragung des Visum ist zwar ein wenig langwierig, aber ansonsten unproblematisch: Bis auf eine „Riesenhürde“, die eingebaut wurde. Als Deutscher muss man seine beglaubigten Fingerabdrücke auf einem Papierbogen vorlegen. Das eigentliche Problem dabei stellt die indische Bürokratie dar. Wir begaben uns zum Justizgelände in Delhi – dem „Patiala Court“. Nach einigem Suchen fanden wir den zuständigen Beamten der Fingerabdrücke abnehmen kann und dies auch bestätigen darf. Eigentlich müsste dieser Mensch ohne Gegenleistung seine Arbeit verrichten, erhält er doch seinen gerechten Lohn von der Regierung. So etwas gibt es aber bei indischen Beamten nicht. Auf unsere Frage nach den Fingerabdrücken antwortete er uns, dass 3.000 Rupien dabei sehr hilfreich sein würden, was etwa 43 Euro entsprechen. Wir lehnten es natürlich ab, diesen Preis zu bezahlen und frugen erst mal nach, ob Herr Officer heute Morgen die falschen Drogen genommen hatte. Diskussion zwecklos, der Herr verweigerte die Arbeit. Wir begaben uns auf die Suche nach seinem Chef, den wir auch fanden. Dieser nahm uns an die Hand und wir erschienen erneut beim seinem Mitarbeiter. Es wurde laut – an der Forderung änderte sich aber nichts. Der Chef zuckte mit den Schultern und wir standen wieder allein da. Was nun? Unsere letzte Rettung war einer der vielen Rechtsanwälte, die ihre Büros ebenfalls auf dem Gelände haben. Komischerweise funktionierte nun alles schnell und unproblematisch. Wir bezahlten 1.000 Rupien und standen fünf Minuten später wieder beim gleichen Herrn im Büro. Er war jetzt freundlich, nahm uns die Fingerabdrücke ab und 10 Minuten später war die Sache erledigt??? Die letzte Hürde war genommen. Am Nachmittag erhielten wir dann den Lohn für unsere Mühen – die Pässe mit den Visa für den Iran.

Danach endete aber unsere kurze Glückssträhne. Am Abend bekam zunächst ich und einen Tag später Angie die Röteln. Diese fesselten uns erstmal ans Bett. Bei der Rückrechnung der Inkubationszeit stellten wir fest, dass wir uns höchstwahrscheinlich beim Besuch des nepalesischen Bergdorfes Kumari bei irgendjemand angesteckt haben müssen. Da kann man nichts machen, das passiert halt mal. Die netten Jungs in unserem Hotel boten uns zwar an einen Arzt zu holen, wir beließen es aber bei der Einnahme von Paracetamol. Nachdem wir sechs Tage später wieder reisetauglich waren, konnten wir uns auf den Weg nach Agra machen. Kein Mensch auf dieser Welt kann mit Agra etwas anfangen, wenn man nicht „Taj Mahal“ hinzufügt. Das „Taj Mahal“ ist ein wunderschöner Ort und völlig untypisch für Indien. Zum einen mutet die Architektur eher persisch an, zum anderen ist es sauber auf dem Gelände. Geht doch, wenn man nur will. Das Bauwerk dient als „Grabmoschee“  für die verstorbene Hauptfrau eines Großmoguls und wurde Mitte des 17. Jahrhunderts fertiggestellt. Wir ließen es ruhig angehen und setzten uns erst mal zwei Stunden auf eine Bank, um alles auf uns wirken zu lassen. Zwischen der ersten und der zweiten Bank schoben wir dann den Besuch des „Taj Mahal“. Kurzes Fazit – es sieht von Weiten eindrucksvoller aus. Die zweite Bank war gefunden und der Sonnenuntergang konnte kommen.  Am nächsten Morgen schauten wir uns die Szenerie nochmal bei Sonnenaufgang an und waren ebenfalls entzückt – ein wirklich sehenswerter Ort in Indien. Zur Stadt Agra ersparen wir uns jeden Kommentar.

Noch am gleichen Tag setzten wir unsere Reise fort. Mit Bus und Bahn fuhren wir südwärts bis nach „Sawai Modapur“, um den dortigen Nationalpark zu besuchen. In diesem sollen sich nämlich Tiger tummeln, die man mit ein bisschen Glück auch sehen kann. Mit einem offenen Bus starteten wir am nächsten Morgen zur „Safari“. Direkt am Eingangstor begegneten wir einer ganzen Tigerfamilie, die auf einer Mauer saß. Das Foto findet ihr im Anhang. Der Rest der Tour war dann eher ruhig. Ein Vögelchen hier und dort… und nicht zu vergessen der Hirsch am Wasserloch. Wir genossen die Ruhe, eine willkommene Abwechslung zu den indischen Städten.

Eine beschwerliche Tagesreise lag wiedermal vor uns. Vom Nationalpark aus nahmen wir den Zug in das 2 ½ Std. entfernte Kota. Dabei hatten wir richtig Glück. Anstatt in der „Sleeper Class“ sitzen zu müssen, erbarmte sich ein Zugbegleiter und steckte uns in den letzten Wagen, der für Behinderte und Gebrechliche vorgehalten wird. Wir sind dem Herrn noch heute dankbar. In der „Sleeper Class“ fahren die einfachen indischen Menschen und der mutige sparsame Rucksackreisende. Wer sich allen Ekel dieser Welt ersparen möchte, bucht wenn möglich irgendeine andere Zugklasse oder fährt Bus.
Kota – wiedermal ein Stadt bei der mir die Worte fehlen. Zum Glück nur eine kurze Zwischenstation auf dem Weg nach Udaipur.

Frauen dürfen in Indien nicht viel, ein Recht steht ihnen jedoch uneingeschränkt zu. Sie können sich an den Ticketschaltern vordrängeln. Angie nutzte die Gunst der Stunde und probierte es mal auf dem „Busbahnhof“ Kota aus. Und wir hatten Glück, bekamen wir doch zwei Tickets in Reihe 1 des „Expressbuses“ nach Udaipur. Die in den beiden Sätzen zuvor in Anführungsstriche gestellten Begriffe sehen in der Realität nicht so aus, wie man es aus dem Sinn der Wörter deuten könnte. Die Fahrt gestaltete sich dann eigentlich recht angenehm. Einzig unser Sitzfleisch schmerzte auf den harten Bänken. Die Fahrt führte uns durch eine trockene, staubige und trostlose Landschaft. Wir hatten den Eindruck im Kreis zu fahren, da wir irgendwie immer das gleiche Bild vor Augen hatten. Zum Glück wurde es am Abend draußen dunkel. Es tut mir ja leid liebe Indien Fans, aber „schön“ sieht selbst ohne die subjektive Brille etwas anders aus.

Udaipur – die schönste Stadt Rajastans, vielleicht sogar Indiens so heißt es – und das trifft den Nagel mit jedem Wort auf den Kopf. Der heutige Tag stand im Zeichen von „Sightseeing“. Zuvor tankten wir jedoch ein wenig Kraft in einem sehr europäischen Café – dem „Edelweiß“. Nach der morgendlichen Stärkung besichtigten wir zwei, drei Stündchen die Stadt. Neben einem schönen Palast auf einem Hügel, dem Wasserhotel aus James Bond „Octopussy“, jeder Menge schönen Hotels mit Aussichtsterrassen fanden wir auch die typische indische Kleinkunst vor. Zwei Tage reichten uns aber auch in Udaipur, wollten wir doch weiter in Richtung Süden. Wir setzten zum großen Sprung an. Zwei mal 14 Stunden mit dem Bus bis Goa. Bei der Wahl des Busses war uns das Glück hold – das Fahrzeug der Gesellschaft „Neeta“ war wirklich allererste Klasse. Auch die morgendliche Panne in Mumbai änderte daran nichts mehr. Im staubigen und lauten Mumbai wollten wir uns zunächst die Zeit bis zum Anschlussbus auf dem Flughafen vertreiben. Unser Vorhaben scheiterte aber an den Sicherheitsbestimmungen in Indien. Kein Ticket – kein Eintritt. Und so mussten wir notgedrungen ein überteuertes Hotel buchen, um uns wenigstens ein bisschen frisch machen zu können. Am Abend stand dann die letzte Etappe bis Goa auf dem Programm, die wir problemlos absolvierten.

Mit dem lokalen Bus legten wir am Morgen die letzten Meter bis nach „Palolem“ zurück, wo sich einer der schönsten Strände Goa`s befinden soll. Auf der Fahrt dorthin stellte sich bei uns das erste Mal so etwas wie „Wohlbefinden“ während unserer Indienreise ein. Das kräftige „Grün“ der Pflanzen war eine Wohltat für die Augen und auch die kleinen Ortschaften mit ihrem Mix aus Kolonialbauten und neuer Architektur fügten sich nahtlos in die Landschaft ein.
Der Strand in „Palolem“ ist zwar nicht weiß und das Wasser nicht blau, wie im Reiseführer angepriesen, aber trotzdem ist der Beach sehr gut geeignet, um sich mal so richtig eine Woche zu Entspannen. Vielmehr hätten wir auch nicht unternehmen können, quälten uns doch noch Glieder- und Muskelschmerzen als Nachwirkungen der Röteln. Zeitweise fühlten wir uns wie 90-Jährige und schleppten uns auch dementsprechend über den Strand. Am vorletzten Tag stellte sich dann noch ein sehr freudiges Ereignis ein. Ferdi, unser Freund aus Holland, überraschte uns doch noch mit seinem Erscheinen am Beach von Palolem, und so hatten wir noch einen ganzen Tag die Möglichkeit unsere Erlebnisse in Indien bei ein paar Bierchen austauschen.
Am nächsten Abend traten wir die Rückreise nach Mumbai an. Wir bezogen nochmals ein Hotel und hatten am Nachmittag Zeit, uns ein wenig in der Stadt umzusehen. Die Innenstadt mit ihren kolonialen Bauten fanden wir für indische Verhältnisse ansehnlich. Insgesamt kamen wir aber auch mit Mumbai auf keinen „grünen Zweig“.

Unser ehrliches Fazit
Der Tag unserer Abreise war angebrochen und wir waren das erste Mal glücklich darüber, ein Land verlassen zu können. Wir haben lange darüber nachgedacht, warum es uns in Indien nicht gefallen hat. Hier einige Anmerkungen von uns dazu. Zuerst sind da die Menschen zu nennen. Mit dem Großteil der Inder können wir nichts anfangen. Meist waren sie uns gegenüber distanziert und uninteressiert. Interesse an uns bestand immer nur dann, wenn man mit uns Geld verdienen konnte. In Hotels und Restaurant wurden wir oft vom Personal wie Aussässige behandelt – so nach dem Motto: „Bitte keine Fragen stellen, bezahlen und dann schnell wieder weg“. Es gab auch Ausnahmen von der Regel, die ich nicht verschweigen möchte. Es waren genau fünf die mir einfallen, 2 Hotels und 3 Restaurants. Ich füge extra hinzu, dass wir schon einiges gesehen haben, kein Luxus wollen sondern nur ein einfaches sauberes Zimmer und eine normalfreundlichen Bedienung. Nur allein über dieses Thema könnten wir schon ein Buch schreiben.
Die Abzockerei in Indien ist ebenfalls ein nerviges Thema. Es verging kein Tag an dem wir nicht mehrfach über den Tisch gezogen werden sollten. Na klar, werdet ihr jetzt sagen, das gibt es auch in anderen Ländern. Das sehen wir auch so, finden aber, dass das Ausmaß hier das Maß des Erträglichen bei Weitem überschreitet.
Ein weiteres lästiges Thema waren die indischen Männer. Es ist uns sehr oft passiert, dass wir z. B. auf einem Bahnhof warteten und sich ein Mann vor Angie stellte und sie dann aus 3 Meter Entfernung 10 min ununterbrochen anstarrte. Ich begab mich dann immer mal wieder dazwischen und starrte den Herren auch an, um ihm mal ein Perspektivwechsel zu ermöglichen(?). Ebenfalls wurde Angie mehrfach von irgendwelchen Männern im Vorbeigehen betatscht oder völlig unnötig angerempelt, weil irgendjemand mal eine weiße Frau berühren wollte. Angie äußerte öfters mal den Wunsch einen Schleier zu tragen, um sich vor den aufdringlichen und ekelhaften Blicken zu schützen.
Zum Thema Städte und Landschaften haben wir schon einiges angeführt. Der Norden Indiens von Nepal kommend entlang der Städte Varanasi, Delhi, Agra bis nach Udaipur gefiel uns mit ein paar Ausnahmen überhaupt nicht. Die Städte waren vermüllt, dreckig und hässlich, außerhalb dominierten meist trostlose und gleichförmige Landschaften. Was uns in den Städten besonders fehlte, waren die Möglichkeiten im öffentlichen Raum z. B. in Parks sich einfach mal irgendwo gemütlich hinzusetzen, um ein wenig zu relaxen und zu beobachten. Das funktioniert in Indien einfach nicht, da man überall zwischen „Müll“ und „braunen organischen Rückständen“ hockt. Die Ortschaften im Süden wie Goa sind da schon wesentlich angenehmer.
Etwas Lustiges noch zum Schluss. Wir fanden es immer wieder erstaunlich mit welcher Selbst-überschätzung die Inder ihr Land so sehen. Auf Nachfragen konfrontierten wir die Menschen immer mit unserer Wahrnehmung bezüglich Indien. Einige versuchten bei solchen kleinen Diskussionen Indien auf eine Stufe, besser noch ein wenig höher als China zu heben. Als wir ihnen dann mal erklärten, wie es so in China zugeht wurden meist Augen und Ohren immer größer. Liebe Inder, im Vergleich zu China lebt ihr irgendwo zwischen „Steinzeit“ und „Feudalismus“ und nirgendwo anders. Ein Vorteil hat das jedoch. Ihr könnt aus den Fehlern der Anderen lernen und es besser machen. Wir wünschen euch dabei maximale Erfolge.

Es wird das erste und letzte Mal bleiben, dass wir unsere Füße auf indischen Boden setzten. Es gibt so schöne und interessante Länder auf dieser Erde mit vor allem wesentlich netteren und freundlicheren Menschen, dass uns einfach die Zeit zu schade ist, um diese in Indien zu verschwenden. Wir wissen auch, dass wir nur einen kleinen Teil des Landes gesehen haben und es bestimmt noch viel zu entdecken gibt, aber die vielen negativen Eindrücke in den letzten vier Wochen haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Für einen Strandurlaub gibt es ebenfalls genügend gleichwertige oder bessere Alternativen.

„In diesem Sinne – Wir haben fertig… mit Indien“.

Bis zum nächsten Mal… eure zwei Weltreisenden

Angie & Thomas



Träume in Nepal

7 12 2011

Location: auf der Reise von Nepal nach Indien
Wetter: wie fast immer sommerlich warm
Zeitunterschied: – 4,5 Stunden

Traurig winkten wir Ricky, unserem tibetischen Guide nach und schauten wehmütig auf die vergangenen drei Reisemonate in China zurück. Hatten wir dort doch unvergessliche Abenteuer und eine aufregende Zeit verlebt, vor allem Tibet wurde zu einem Highlight unserer gesamten langen Reise. Doch nun war es Zeit für Neues. Und während wir noch in Erinnerungen schwelgten, wurden unsere Reiseerfahrungen erneut auf die Probe gestellt. Die Ausreise aus China nach Nepal gestaltete sich erst einmal trotz akribischer Taschenkontrolle durch die chinesischen Zollbeamten und deren scharfem Blick auf die tibetischen Reisepermits weniger schwierig…hatten wir doch im Vorfeld nicht viel Gutes gehört. Doch schnell stellte sich eine neue Hürde für uns: Da unser erster Reisepass nun nach 17 Monaten und 27 Ländergrenzen vollgestempelt war, wurde es Zeit unseren zweiten Pass ins Reiseleben zu berufen. Dazu bedurfte es einen Trick unsererseits, denn eigentlich kann man über Land nicht ohne den Ausreisestempel des einen Landes in das nächste (hier Nepal) reisen. Die nepalesischen Grenzbeamten schauten recht nett aus und wir schöpften zunächst Hoffnung. Schnell waren die Visapapiere ausgefüllt und jeweils 40 US-$ für die offizielle Visagebühr gezückt. Ich atmete langsam durch, während der nette Grenzbeamte bereits den Visaaufkleber für meinen Pass ausfüllte und anfing aufzukleben. Doch halt…“wo ist denn der Ausreisestempel aus China?“ Mist, ihm war trotz meinem entzückenden Lächeln der fehlende chinesische Stempel in meinem Pass nicht entgangen. Ich stammelte schnell etwas Unverständliches von „der alte Pass sei voll und würde von der deutschen Botschaft in Kathmandu entwertet“ bis zu „für meinen Partner gilt das selbige“. Irgendwie hatte meine Stotterei doch noch Erfolg. Beide Grenzbeamten überlegten einige Zeit angestrengt, schauten dann aber augenzwinkernd drein und gaben uns mit einem großmütigen „OK“ unsere Pässe inklusive nepalesischem Einreisestempel zurück. Gut gemacht! Und dabei hatten wir uns schon auf langwierige Diskussionen und eine Menge Bakschisch vorbereitet. Der Weg war nun frei nach Nepal – unserem nächsten Reiseziel.

Mit dem belgischen Reiseduo Nadine und Yecine sowie Ferdi aus Holland waren auf nepalesischer Seite schnell Begleiter für die Fahrt mit einem Jeep gefunden. Hatten wir doch alle fünf das gleiche Ziel: Kathmandu. Bei den Kosten für die Jeepmiete inklusive Fahrer waren wir uns anfangs nicht ganz so einig. Während wir zwei uns wie immer im Vorfeld zu den Fahrpreisen in Nepal umgehört hatten, wären die restlichen drei Traveller viel schneller bei den von den nepalesischen Fahrern genannten Preisen eingestiegen. Wir hatten da andere Vorstellungen. Mit gemischten Gefühlen, aber doch hart und wohl überzeugend handelten wir erstmal den Fahrpreis auf normales Mass herunter, bevor wir uns entgültig entschieden. Im Nachhinein gestand mir Ferdi, dass ihm das irgendwie imponierte. Ich weigerte mich einfach einen höheren Preis zu aktzeptieren. Naja, wir kennen ja zwischenzeitlich auch das Spiel. Verhandeln, diskutieren und notfalls einfach gehen. Und siehe da, einer findet sich meistens, der mit unserem Preis noch immer angemessen Geld verdient. Also aufsitzen und los gehts nach Kathmandu.

Der Weg von Kodari ins Kathmandu Tal war entgegen unseren letzten Reisemonaten wieder einmal gesäumt von tropischen Pflanzen, Staub, Müll und wirklich schlechten Strassen entlang des Flusses Bhote Kosi. Trotzdem genossen wir die Fahrt sehr, war doch der Ausblick – nur wenige Kilometer entfernt vom organisierten China – wieder so andersartig und von einem verkehrstechnischen Chaos um uns geprägt. Nach insgesamt vier Stunden war die laute von Leben gefüllte Hauptstadt Kathmandu erreicht. Uns war erstmal nach einem Bierchen. Zu fünft stürmten wir die nächste Bar und ließen uns unser erstes NEPAL ICE schmecken. Und schnell war klar, dass unsere Begegnung mit den drei Dutch-Reisenden nicht ganz folgenlos bleiben sollte. Wie immer spielte uns der Zufall in die Karten. Denn dank Nadine lernten wir deren Freund Jagat Lama, einen absolut empfehlenswerten nepalesischen Trekkingguide kennen. Jagat verhalf uns sofort zu einem günstigen, akzeptablen Zimmer in der Touristenhochburg Kathmandu. Wir waren ja wie üblich ohne Reservierung gekommen und hatten die Rechnung dabei ohne die zahlreichen Touristen gemacht. Fast alle in Frage kommenden Unterkünfte waren bereits ausgebucht. Von hier aus gilt nochmals ein großes Dankeschön an Jagat…und nicht nur dafür. In Kathmandu also glücklich und zufrieden angekommen, wollten wir uns erstmal einen Überblick verschaffen. Auch Jagat vertrösteten wir auf die nächsten Tage – wir hatten zwar einige Aktivitäten,wie Rafting und Trekking im Anapurnagebiet geplant, konnten uns aber noch nicht so recht durchringen. Wir haben ja Zeit. Und dass doch alles anders als geplant kommen würde, zeigte sich bereits in den nächsten Tagen.

Kathmandu hat sich auf eine gewisse Art und Weise Charme bewahrt. Es ist zwar laut, überfüllt, hektisch und schmutzig, aber wir fühlten uns in der Touristenenklave Thamel dennoch wohl und genossen das Schlendern in den engen Gassen, das Essen und die allabendlichen Besuche in den umliegenden Bars. Und trotzdem: nach der Ruhe im tibetischen Hochland trafen wir wieder auf eine andere Welt. In Nepal herrschen größtenteils Armut und Korruption, es fehlt an Nötigem in allen Bereichen. Die größten Schwachstellen sind vor allem in der Infrastruktur, im Bildungsektor und in der medizinische Versorgung zu finden…insbesondere wenn man die urbanen Gebiete verlässt. Es gibt keine geregelte Krankenversicherung, in den Bergregionen fehlen grundsätzlich medizinische Versorgungsstätten und Personal. In abgelegenen Dörfern gibt es weder Schulen noch entsprechend ausgebildete Lehrer. Vielen Kindern bleibt der Zugang zu Bildungseinrichtungen gänzlich verwehrt, da sie im Haushalt der Familie helfen oder Geld verdienen müssen. Ein Großteil der Schüler verlässt die Schule ohne Abschluss. Entsprechend hoch sind Analphabetenrate und schlechte Zukunftsaussichten in Nepal. Schnell war mit Jagat ein interessanter Gesprächspartner in Punkto Entwicklungshilfe und soziales Engagement in Nepal gefunden. Was wir bei unserem ersten Zusammentreffen nicht wussten: Jagat hat aus eigener Kraft die Hilfsorganisation „Health and Education for Nepal (HEN)“ gegründet, die zu 100 % Projekte in den Hauptsektoren Bildung und Medizin für seine Heimat in den nepalesischen Bergen des Nuwakot Districts stämmt, um die dortigen Lebensbedingungen der Kumari Community zu verbessern. Die persönliche Geschichte Jagats hat uns tief berührt und zeigt seine Verbundenheit mit den Menschen in den Bergen. Jagat selbst war der Erste, der vor vielen Jahren seine Heimat Kumari in der Himalaya Region verließ, um in der Stadt zu studieren. Um sein Studium in Kathmandu zu finanzieren, arbeitete er damals täglich hart als Zeitungsverkäufer in den engen Gassen der Hauptstadt, später als Trekking-Porter (Träger) und Guide in den Bergen. Er hatte Glück; galt er schon als Kind begabt und einer der besten seiner Klasse, konnte er seine Ausbildung in der Stadt ebenso erfolgreich beenden, anschließend bei verschiedenen Unternehmen arbeiten und für sich und seine Familie eine gesicherte Existenz aufbauen. Eines Tages ereilte ihn jedoch eine schreckliche Nachricht aus seinem Heimatdorf. Sein Vater war schwer gestürzt und verletzt. Als Jagat in das Heimatdorf eilte, lag sein Vater bereits im Sterben. Er konnte nicht mehr gerettet werden, was einzig an der fehlenden medizinischen Versorgung lag. Das nächste Ärztehaus mit angeschlossener Apotheke befindet sich noch immer 9 Wanderstunden von Kumari entfernt. Der Weg führt über tiefe Täler und steile Berge in der Himalaya Region, den Kranke und Verletzte behelfsweise hinauf getragen werden müssen. Eine konkrete Straße oder anderweitig motorisierte Möglichkeiten existieren bis heute nicht. Jagats Vater starb ohne jegliche medizinische Hilfe. Aus dieser Tragödie heraus war ein Traum in Jagat geboren: Medizinische Versorgung und Ausbildung für die Menschen in Kumari zu etablieren.

Jagat baute sich in den Folgejahren sein eigenes Reiseunternehmen auf, unter dessen Dach heute ausgebildete Trekkingführer und Porter vereint sind. Neben gerechter Bezahlung erhalten alle Angestellten entsprechende Gesundheitsversorgung, Kleidung und Sozialleistungen. Im Gegenzug engagieren sich die Mitarbeiter nun ehrenamtlich in den Kumari-Projekten. Neben Einzahlungen in einen Hilfsfond arbeiten sie selbst freiwillig in den weniger touristischen Wintermonaten in der Bergregion und helfen beim Aufbau der nötigen Infrastruktur. Fast alle Guides und Porter stammen selbst aus der Kumari Region.
Über dem gutlaufenden Trekkinggeschäft stand zu jeder Zeit Jagats Traum und der Wunsch, `seine` Kumari Region maßgeblich zu unterstützen und den dortigen Menschen zukunftsträchtige Aufbauhilfe zu geben. So teilten Jagat und seine Kollegen den großen Traum mit vielen Gästen aus aller Welt und erreichten schließlich die Herzen zweier Trekker aus Amerika. Jagats Traum wurde endlich Realität.

Gemeinsam mit Finanzmitteln aus dem Unternehmerfond und Spenden aus der westlichen Welt konnte recht schnell der Grundstein gelegt werden. In der ersten Aufbauphase wurden ein Frauenzentrum für Näh- und Schneiderarbeiten in Nuwakot konzipiert und umgesetzt, ein „Verbindungsweg“ zu anderen Gebieten im Kumari District und ein Wasserbrunnen gebaut sowie erste Vorkehrungen für die künftige Stromversorgung getroffen. Im Frühjahr 2009 fand erstmalig ein großangelegtes Medical Camp, geführt von einer freiwilligen US-Delegation statt. Es wurden zum damaligen Zeitpunkt mehr als 5.000 Dorfbewohner medizinisch behandelt, viele von ihnen sahen nie zuvor einen Arzt oder eine Schwester. Es war ein Riesenerfolg und der Startpunkt für den Bau der ersten Polyklinik in Kumari.

Schon im „Kaffeeklatsch“ mit Jagat stellten wir fest, dass wir hier auf eine tolle und interessante Sache gestoßen waren. Jagats Geschichte fesselte uns, sie machte uns neugierig auf mehr… und Jagat gefiel ebenfalls unsere Geschichte. Also verabredeten wir uns für den nächsten Tag und Jagat lud uns zu sich nach Hause ein. Gespannt betraten wir die einfache, aber hübsche Wohnung im Westen Kathmandus und begrüßten Jagats Familie. Seine Frau überraschte uns mit einem köstlich schmeckenden Dal Bhat – dem nepalesischen Nationalgericht bestehend aus Reis, Linsensuppe, zwei Currygerichten und viel Gemüse. Gemeinsam bei leckerem Ginger Tee schauten wir Videos zum Kumari Projekt und Jagat erörterte uns sämtliche Hintergrundinformationen zu den Plänen und Zielen der HEN-Organisation. Wir beide waren beeindruckt und uns einig. Wir wollten so schnell als möglich selbst in die Kumari Region reisen, uns vor Ort ein eigenes Bild vom Projektstand machen und eine Spende aus unserem Spendentopf übergeben.

So besorgten wir in den nächsten Tagen nötiges Equipement für die „Shree Bikash Lower Secondary School“ in Kumari, planten unsere Reise in die Bergregion und machten alles „dingfest“. Nach 5 Tagen konnten wir endlich aufbrechen. Wir waren so aufgeregt, stellte allein schon der Weg nach Nowakot ein unbeschreibliches Erlebnis, aber auch eine große Hürde dar. Für die beschwerliche Reise dorthin benötigten wir einen Porter und einen Guide, die uns beide Jagat aus den eigenen Reihen zur Verfügung stellte. Schon am frühen Morgen unseres Spendentreks starteten wir zu viert und bepackt mit einer geographischen Weltkarte, 140 Büchern und Schreibgeräten, Fuß- und Volleybällen, Frisbeescheiben und kleineren Schulutensilien gen Osten. Motorisiert legten wir die ersten 35 Kilometer auf einer Ausfallstraße von Katmandu zurück. Das war noch der leichteste Teil der Wegstrecke und dauerte entgegen dem was uns noch erwarten würde nur zwei kurze Stunden. An einer kleinen abenteuerlich anmutenden Flußbrücke stoppten wir, um den Fußmarsch zu starten. Nach einer Stärkung ging es schon los… den Bergrücken aufwärts. Wir hatten uns den Weg zwar nicht einfach ausgemalt, aber was wir auf den folgenden Kilometern und Stunden läuferisch bezwungen, übertraf jegliche Vorstellungskraft unsererseits. Es ging auf der einen Seite auf, dann wieder ab. An steilen Berghängen krachselten wir teilweise schnaufend hinauf, an anderen rutschten wir wieder hinab. Immer wieder überholten uns Einheimische, die übergroße schwere Marktkörbe auf ihren Schultern und wenn überhaupt nur winzige Flip Flops an ihren Füßen trugen. Nun konnten wir wirklich verstehen, welche Lebenssituationen die Dorfbewohner der Everestregion zu meistern haben. Während ich beispielsweise als Kind gerade einmal fünf Minuten Schulweg zu bestreiten hatte, laufen in Nepal Kinder zum Teil drei Stunden und mehr den einfachen Weg. Ich glaube nicht, dass ich unter diesen Umständen gern zur Schule gegangen wäre.
Auf unserem Weg nach Kumari erklommen wir riesige Bergrücken und durchwateten Flüsse, insgesamt benötigen wir mehr als 8 Stunden Fussmarsch bis wir Nuwakot müde und erschöpft am frühen Abend erreichten. Unterwegs trafen wir immer wieder auf Dorfbewohner, die uns fröhlich zuwunken, uns eine Stärkung anboten oder sich einfach nur mit uns ablichten lassen wollten. Hatten sie doch bis dato noch nie Touristen – außer vielleicht im Rahmen des Medical Camps  – gesehen. Unser Ziel direkt vor Augen schöpfte ich auf den letzten Metern zum Dorf nochmals Kraft, hatte ich doch mit ein paar Kindern um mich herum Verstärkung erhalten.
Vor den Toren des Dorfes ereilte uns die nächste Überraschung. Die Bewohner hatten ihr Dorf geschmückt und uns einen bunten Willkommensgruß bereitet, warteten sie auch schon den ganzen Tag ungeduldig auf unsere Ankunft. Nach ein paar gemeinsamen Schnappschüssen, Umarmungen und Blumengrüßen ging es in Begleitung weiter hinauf zur höchsten Erhebung im District. Hier hatten die Helfer und Unterstützer unweit der Dorfschule das Frauenzentrum errichtet und den Klinikbau begonnen. Im Sonnenuntergang konnten wir einen ersten Blick auf den Rohbau der Klinik, auf das Schulgebäude, das umliegende Bergmassiv und die unter uns liegende Urbanisierung erhaschen. Es wurde schnell stockdunkel um uns herum, denn Kumari besitzt noch immer keine Stromversorgung. In der Vergangenheit wurden zwar unter der Schirmherschaft von HEN Strommasten aufgestellt, aber noch fehlen Geld und Infrastruktur für die Transformatoren. So sitzen wir bei Kerzenschein im Kreise der Dorfbewohner und bekommen ein einfaches, aber leckeres Dal Bhat gereicht. Im fahlen Licht erkennen wir, wie sie uns eindringlich mustern. Unserer Bitte, für alle gereichten Lebensmittel und Getränke selbst zu bezahlen, kommen sie schüchtern aber dankend nach. Lebensmittel sind rar… das spüren wir bereits bei unserer Ankunft, als wir Kinder und junge Erwachsene um uns herum sehen, die reine Trockennudeln kauen. Noch am späten Abend führen wir viele Gespräche mit den Dorfbewohnern, unsere beiden Begleiter sind uns bei der Übersetzung behilflich und erzählen uns dabei viel über die Kumari Region und ihre Bewohner. Später am Abend betten wir unser Haupt im Schein einer ausrangierten Öllampe im Nebengebäude der Nähstube, wo die Frauen noch bis tief in die Nacht Schuluniformen und andere Kleidungsstücke fertigen.
Schon am nächsten Morgen ereilte uns die nächste Überraschung. Wir hatten uns mit unseren beiden Begleitern, die in einer einfachen Behausung Unterschlupf fanden, für 7.30 Uhr zum Frühstück bei einer lokalen Familie am Fuße des Schulberges verabredet. Und… wir sollten nicht allein bleiben. Obwohl an diesem Tag ein Feiertag und schulfrei war, strömten ca. 300 der insgesamt 400 Schulkinder zur Schule hinauf, um uns abermals einen fröhliches Willkommensfest zu bereiten. Hatten wir für sie ja viele neue Sachen im Gepäck. Die Kinder und jungen Erwachsenen bestaunten uns schüchtern, kicherten und waren unsicher… so wie wir. Was sind das für Menschen, die den anstrengenden Weg auf sich nehmen, um zu uns in die Berge zu gelangen und uns beschenken? Wir fühlten uns ein bisschen wie im Zoo und konnten wieder einmal nachempfinden, wie sich wohl oftmals Einheimische fühlen, wenn sie von Touristen bestaunt und fotografiert werden.
Der Festakt zu unseren Ehren war zwar erst für 8.30 Uhr geplant, trotzdem strömten seit dem Sonnenaufgang zahlreiche Schüler und alle Lehrer der kleinen Schule den schmalen Weg hinauf zum winzigen, von Berghängen umgebenen Schulhof. Sie alle trugen selbstgemachte Tihar-Blumenketten für uns bei sich, wie man auf den Fotos unschwer erkennen kann ;)
Als wir später den Schülern folgten und ebenfalls den steilen Hang hinauf kletterten, versanken wir erstml in Scham und ein wenig Unwohlsein. Alle waren auf dem Schulhof versammelt, hielten Willkommenschildchen gen Himmel und freuten sich sichtlich, uns zu sehen. Binnen weniger Minuten wurden mir von allen Seiten hunderte Blumenketten umgehangen und Umarmungen zu teil. Wir wußten beide nicht so recht, wie um uns geschah. Wir hatten doch nur ein paar Schulsachen dabei und waren mit dem Ziel gekommen, die Projektaktivitäten von Jagat, seinen Kollegen und HEN zu begutachten, um uns selbst ein Bild vor Ort zu machen. Von allen Seiten strömte Beifall als wir die kleinen Geschenke übergaben und Grüße von unseren Spendern überreichten. Es wurden Reden gehalten… auch der Bürgermeister war gekommen, um uns persönlich zu treffen und mit uns zu sprechen. Wir waren gerührt und fühlten uns dabei ein wenig peinlich berührt bei so viel Aufmerksamkeit. Doch das Eis war schnell gebrochen und wir zettelten erst einmal Spiele mit den Schülern an. Denn schließlich waren wir auch gekommen, um ihnen ein bisschen Freude zu bringen. Alle hatten sichtlich Spaß. Im Anschluß führte uns – erneut umgeben von unzähligen Schülern – ein ausgiebiger Rundgang durch die kargen Schulräume. Schnell waren wir wieder in der Realität angelangt und was wir sahen, gefiel uns nicht besonders. Die nepalesische Regierung investiert fast keinen Penny in die Bildungseinrichtungen der Bergregionen, das sieht selbst ein Blinder. Wir finden einfache Steingebäude mit kargen Wänden vor, es gibt keine Bilder, kaum Schultafeln oder sonstige Einrichtungsgegenstände. Größtenteils fehlen in allen Räumen Tische und Stühle. Die Schüler sitzen auf dem staubigen Boden, die Klassen sind mit bis zu 60 Schülern überfüllt, genügend Platz und Lehrer gibt es nicht. Wir sehen uns genauestens um, sprechen ausgiebig mit Lehrern, Dorfbewohnern und dem Bürgermeister. Wir sind erschüttert und traurig. Die Schüler zeigen uns was sie lernen, wo sie sitzen, wie sie spielen. Es gibt keine Toiletten, da die Infrastruktur für Strom und fließendes Wasser noch nicht bereitgestellt werden konnte. Ein einfacher Toilettentrakt wurde in diesem Sommer von HEN gebaut und bleibt bis zum nächsten Frühjahr verschlossen. Denn dann werden Ingenieure aus Übersee kommen und hoffentlich für Strom und Wasser sorgen. Die Kinder und Lehrer freuen sich darauf. Auch sind alle sehr stolz darauf nun bis zur 8. Schulklasse hier in Kumari zu lernen. Das war nicht immer so. Erst Jagat und die HEN-Organisation machten dies möglich. Permits wurden bei der zuständigen Regierung nach und nach beantragt, weder Mühen noch Kosten gescheut und neue Gebäude zu diesem Zwecke auf dem Gelände errichtet. Heute bleiben den Schülern damit drei und mehr Stunden Fußweg in die nächsthöhere Schule ab der 3. Klasse erspart. Und schon wurde eine neue Idee geboren: auch das 9. und 10. Schuljahr in Kumari anzubieten…
Wir haben noch so viele Fragen und unser Rundgang nimmt mehr Zeit in Anspruch als gedacht. Wir wollen alles genau wissen und bleiben noch ein wenig mit den Einheimichen zusammen. Dann wird es Zeit, wieder den holprigen Weg nach unten zu klettern, um auch noch den Klinikbau in Augenschein zu nehmen. Aktuell stehen die Arbeiten still, denn der Monsunregen hat die neue Staubstraße verwüstet – was übrigens bei jedem Monsun passiert, wie wir später erfahren. Wie jedes Jahr muss die Straße erst wieder passierbar gemacht werden. Und erst wenn die freiwilligen Helfer von HEN nach Kumari zurückkehren, werden die Klinikarbeiten fortgesetzt. Das Klinikgebäude macht einen passablen Eindruck. Die HEN-Initiatoren haben sich offenbar viele Gedanken gemacht und klare Ziele formuliert. Nur die Umgebung macht uns ein wenig Sorgen. Der Berg, der zum Zwecke des Klinikbaus abgetragen wurde, verliert an Masse. Der letzte Monsunregen hat Teile des Berges nach unten gespült. Die Hänge müssen zunächst neu befestigt werden. Zusätzliche Arbeiten und Kosten, die so nicht geplant waren. Trotzdem; dieser Platz lässt uns positiv in die Zukunft blicken. Wir können uns gut vorstellen, wie es hier bald sein wird, wenn medizinische Versorgung für ca. 60.000 Menschen zur Verfügung steht. Doch noch fehlen viele notwendige Ausstattungsmaterialien – aktuell werden zahlreiche Gespräche geführt, die Initiatoren benötigen weitere Unterstützung und Spenden. Ein zweites medizinisches Camp für das kommende Jahr ist in Vorbereitung, wenn möglich soll zu diesem Zeitpunkt die Klinik eingeweiht werden und in den laufenden Betrieb übergehen. Wir treffen auf dem Areal einen der angehenden Ärzte, der heute ebenfalls in Kumari seine Familie besucht. Er hat die von HEN realisierte Ausbildung bereits erfolgreich abgeschlossen und absolviert aktuell ein Praktikum in Kathmandu. Insgesamt wurden drei junge Menschen aus Kumari dank HEN medizinisch ausgebildet, weitere drei Frauen absolvieren derzeit eine Schwesternausbildung in der Hauptstadt. Sie alle haben sich verpflichtet nach Kumari zurückzukehren und hier zunächst für mindestens 5 Jahre zu arbeiten. Ein gutes Konzept, wie wir befinden.
Wir bleiben noch eine Weile vor Ort, sprechen mit den Einheimischen über „ihre neue Klinik“ und freuen uns über die langfristigen Ziele und Überlegungen zum Projekt. Nach eingehender Überlegung und dem Bild was wir vor Ort gewonnen haben, entschlossen wir uns 35.000 Rupien (ca. 318 EUR) für die Ausstattung des dringend benötigten Damenbadraumes inkl. Toilette in der Polyklinik zu spenden. Auch wenn wir damit diesmal in Vorleistung gehen und HEN einen Geldbetrag überlassen, wir haben ein gutes Gefühl. Zum ersten Mal treffen wir auf ein Entwicklungsprojekt, was so präzise und gut organisert von einem Einheimischen wie Jagat geplant, umgesetzt und fortgeführt wird. Jagat wird uns auch zukünftig über die Arbeiten und Projektaktivitäten auf dem Laufenden halten. Und wer weiß, vielleicht kommt ja auch in der Zukunft bei uns der ein oder andere Euro für Kumari zusammen.

Der Tag ist viel zu schnell vorangeschritten. Zeit für uns, den Bergrücken hinabzusteigen und noch ein paar weitere Dorfbewohner zu besuchen. Überall wurde uns zugerufen und gewunken. Fast jeder in Kumari hatte das Bedürfnis, uns in seinem Haus zu empfangen. Nach einem kräftigenden Mahl im Familienhaus unseres Porters und letzten rührenden Gesprächen mit den Dorfbewohnern verabschiedetn wir uns traurig von Kumari. Die Zeit war viel zu kurz. Aber dennoch: wir mussten schlussendlich aufbrechen, um den anstrengenden Rückweg noch vor der Dunkelheit anzutreten. Da ich mir bereits in Kathmandu auch noch eine Diarrhoe eingefangen hatte und alle paar Meter auf dem Rückweg im Busch verschwinden musste, benötigten wir zugegebenermaßen durch mich verschuldet noch mehr kostbare Zeit. Irgendwie schafften wir die Berge aber trotzdem schneller als bei unserer Ankunft, vielleicht waren wir zwischenzeitlich trainiert? Als wir endlich die Hauptstraße nach Kathmandu erreichten und dort auch gleich einen öffentlichen Bus fanden, der uns zurück in die Stadt brachte, waren wir glücklich und zufrieden. Kathmandu erreicht, fielen wir nach einer wohltuenden  Dusche nur noch erschöpft in unsere Betten. Wir waren müde, aber unbeschreiblich happy. Wurde uns doch wieder einmal bewußt, wie viel Glück wir hatten auf der anderen Seite des Lebens aufgewachsen zu sein und heute derartige Abenteuer erleben und auf unsere kleine Art und Weise helfen zu können. Die Ereignisse aus Kumari, die wir in den vergangenen Tagen in uns verewigten, werden wir nie mehr vergessen.

In Kathmandu benötigten wir erst einmal Ruhe, um wieder zu Kräften zu kommen und unsere Erlebnisse aus Kumari zu verarbeiten. Wir trafen uns noch ein paar Mal mit Jagat, Ferdi und zu aller Überraschung auch mit Nadine und Yecine, die zwischenzeitlich von ihrem Trek zurückgekehrt waren. Wir alle hatten uns natürlich viel zu erzählen. Unseren ursprünglichen Plan, eine ausgiebige Trekkingtour in die Anapurna-Region zu unternehmen, legten wir recht schnell „ad acta“ und ließen es bei individuellen Erkundungstouren in und um Kathmandu ruhiger angehen. Denn wir waren uns wie immer einig, der Trip nach Kumari war bereits unser Highlight in Nepal und konnte auch von einem weiteren Bergmassiv nicht mehr getoppt werden. Lediglich zu einem Rafting-Wochenende konnten wir uns noch aufraffen. Wir hatten dort zwar viel fun beim Raften und einen lustigen Abend mit Marc und Glenn aus Belgien sowie Stefano aus Italien, wurden aber wieder einmal von der Tour an sich enttäuscht. Für uns schlussendlich eindeutig: möglichst keine touristischen Ausflüge mehr! Die letzten Tage in Nepal krönten wir mit dem Aufenthalt in Pokhara, wo wir wieder auf Ferdi trafen und unterhaltsame Tage und Abende verbrachten, bevor es für uns anschließend weiter nach Indien ging.

… und dass unser Spendentrek in die Kumari Region für uns zwei nicht ohne Folgen blieb, könnt ihr im nächsten Bericht über Indien lesen.

Bis dahin viele Grüße, eine schöne Vorweihnachtszeit und viel Spaß auf den traditionellen Weihnachtsmärkten daheim

Eure zwei Weltenbummler Thomas und Angie



“Khina” oder doch “Schina” – Ein Fazit

9 11 2011

Location: Varanasi (Indien)
Wetter: leicht kühl und bewölkt
Zeitunterschied: + 4 Std 30 min

Im Gegensatz zu den „Bayern und Preußen“ sind wir uns einig – „SCHINA“ ist absolut eine Reise wert und unserer „Traveltipp“ für Asien schlechthin. In den letzten drei Monaten bereisten wir das Riesenreich im Osten des Kontinents und gewannen dabei einen ersten Einblick in dieses vielfältige Land mit seinen unterschiedlichen Kulturen. Eine Erkenntnis  setzte sich dabei aber schnell durch: China ist völlig anders, als wir es zuvor erwartet hatten. Da der Blick von Europa aus in der Regel durch die Fokussierung der Menschenrechte sowie wirtschaftlicher Themen bestimmt wird, hatten wir vor unserer Reise eine verzehrte bzw. einseitige Wahrnehmung des Landes. Aus unserer Sicht ist es aber notwendig ein vielfältigeres Bild von China zu zeichnen, umso mehr über diese Kultur zu erfahren. Gerade der Blick auf das „normale“ Leben der Menschen ermöglicht aber erst eine differenzierte Wahrnehmung der Verhältnisse vor Ort und führt so zu einem besseren Verständnis der chinesischen Kultur im Ganzen. Die internationalen Forderungen nach einer weiteren Demokratisierung des Landes bleiben davon natürlich unberührt. Besonders im Fall von Tibet muss der Finger in der Wunde bleiben, um die Menschen dort nicht allein zu lassen.

In drei Monaten China haben wir jede Menge gesehen, längst aber noch nicht alles. Wir empfanden China als ein spannendes, abwechslungsreiches und interessantes Land. Die Vielzahl der verschiedenen Kulturen und Landschaften hat uns als Reisende besonders überrascht. Von Wüste über Nebelwald bis Hochgebirge gibt es hier alles zu sehen. Auch das unterschiedliche Aussehen der Menschen haben wir so nicht erwartet. Chinese ist nicht gleich Chinese, wie wir feststellen mussten. Am beeindrucktesten stellte sich aber der permanente Spagat zwischen Tradition und Moderne dar. Während auf dem Lande der Ochsenkarren zum Transport genutzt wird, verkehren zwischen den Städten Schnellzüge mit Tempo 300 und symbolisieren so das „neue“ Zeitalter in China. Die beständige Konstante in der rasanten Entwicklung sind die in Traditionen verankerten Menschen. Auch wenn man im modernen China etwas suchen muss – die alten Rituale werden beharrlich gepflegt. Wir werden beobachten wie sich China weiter entwickelt – spannend wird es auf alle Fälle werden. Zum Abschluss wollen wir euch noch in aller Kürze die touristischen Highlights unserer Tour durch China schmackhaft machen:

- Die gesamte Yunnan Provinz – Die „traditionellste“ und „schönste“ Provinz

- Peking – Abwechslungsreiche Megacity mit einem ganz eigenen Charme

- Shanghai – Tradition, Kolonialzeit und Moderne prallen hier aufeinander

- Die Sichuan Küche – Der kulinarische Leckerbissen

- Tibet – Die Krönung – Grandiose Landschaft und Kultur auf dem Dach der Welt

Noch etwas in eigener Sache: Schon vor unserer Reise waren wir wahnsinnig gespannt auf sie. Wir haben 3 Monate lang gesucht, hinter jede Ecke geschaut und die Einheimischen nach ihnen befragt – aber sie waren einfach nicht zu finden…..

“Die drei Chinesen mit dem Kontrabass” ;)

In diesem Sinnen wünschen wir euch eine schöne Zeit. Bis zum nächsten Bericht aus Nepal…

Eure beiden Weltentdecker

Angie & Thomas



Sinnliche Höhen

4 11 2011

Location: von Tibet… nach Kathmandu /Nepal
Wetter: tagsüber angenehm warm, nachts kühler
Zeitunterschied: + 4 Std. 45 Min

Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich von Osten her den langen Weg über das tibetische Hochland und hüllen die Landschaft um uns in einen rotbraunen Schimmer ein. Der Blick über die endlose Ebene versinkt irgendwo am Horizont und lässt uns in Gedanken schwelgen. Begierig saugen unsere Augen die kräftigen Farben des morgendlichen Panoramas auf und zeichnen kontinuierlich Bilder für die Ewigkeit in unser Gedächtnis. Tibet, das Dach der Welt mit seinen schneebedeckten Bergen und unberührten Weiten liegt vor uns. Der Mythos dieser einzigartigen Kulturlandschaft hat die Zeiten überdauert und ist noch an vielen Orten greifbar. Vieles hat sich aber auch verändert… nicht immer zum Guten.

Es kribbelte schon etwas im Bauch als wir endlich den Zug in Richtung Lhasa besteigen konnten. Waren wir doch gespannt, was uns in Tibet erwarten würde. Zuvor galt es aber erst einmal die 3.400 km lange Distanz auf das Dach der Welt zurückzulegen. Von Chengdu aus führte die Strecke zunächst in das 1.400 km entfernte Xining, bevor der eigentliche Abschnitt der sogenannten „Tibetbahn“ über knapp 2.000 km bis nach Lhasa begann. Beim Bezug des 4-er Schlafwagenabteils wussten wir sofort, dass wir richtig gewählt hatten. Im Vergleich zu dem, was wir zuvor in Langstreckenzügen in China gesehen hatten, war das hier richtiger Luxus. Nachdem wir es uns in der Kabine gemütlich gemacht hatten, gab es zum Abendbrot gleichmal den „Gugelhopf“ aus dem Hostel. Und der schmeckte wirklich richtig gut. Worte, wie bei Muttern „daheeme“, fielen. Für uns wieder mal ein Beweis dafür, dass Chinesen alles kopieren können. Für dieses kulinarische Stück Heimat sagen wir nochmals Danke an die Mädels vom Hostel in Chengdu – (感謝您的美味蛋糕).

Der erste Abend im Zug ging recht schnell zu Ende und wir versanken in unseren Betten. Am nächsten Tag führte die Fahrt vorwiegend durch monotone ereignisarme Landschaften in der chinesischen Provinz, sodass Langeweile das Bild im Zug prägte. Genau der richtige Zeitpunkt um euch noch etwas über die Strecke zu erzählen: In Xining beginnt die Passage durch das Hochland von Tibet, die unter anderem einige technische Meisterleistungen zu bieten hat. Neben der extremen Höhenlage dieses Abschnittes mit durchschnittlich über 4.000 m sorgte auch der Bau unzähliger Tunnel sowie über 600 Brücken für besondere Herausforderungen. Ein ebenfalls großes Problem mussten die Ingenieure bei der Verlegung der Gleise bewältigen, da ein Großteil der Strecke über Permafrostboden führen sollte. Um ein Absinken im Sommer zu verhindern, setzten die Techniker eine Art Kühlschrank in Stabform ein. Diese Röhren wurden neben den Gleisen in den Boden getrieben und halten diesen seitdem kontinuierlich gefroren.
Am Nachmittag des zweiten Tages stieg in Xining eine deutsche Reisegruppe unserem Wagen zu. Mit Günther, der sein Bett in unserem Abteil hatte, war auch schnell ein kompetenter Gesprächspartner in punkto Reisen gefunden, sodass die Zeit bis zum Abend wie im Fluge verging. Mit dem Sonnenaufgang am folgenden Morgen wurde der schönste und wirklich interessanteste Streckenabschnitt  der Reise für uns sichtbar – „Das Hochland von Tibet“. Den Scheitelpunkt der Strecke, den „Tanggula Pass“ mit seinen 5.072 m, passierten wir bereits am frühen Morgen. Leider informierte uns das Zugpersonal nicht darüber, sodass dieser Moment ein schöner von vielen blieb. Nichtdestotrotz bot sich uns auf dem weiteren Weg bis Lhasa eine wunderschöne abwechslungsreiche Landschaft entlang der Strecke. Als der Zug in das Tal des Flusses „Kyi Chu“ einbog, wurde das Ende greifbar, erhob sich doch am Horizont langsam die Silhouette von Lhasa. Eingerahmt von einer Gebirgskette wirkte die Stadt aus der Entfernung wie eine vergessene Oase inmitten von Nichts. Viele Reisende standen gebannt im Gang des Zuges und genossen die vorbeiziehende Szenerie. Schon von weitem stach das leuchtende „Rot“ des „Potala Palastes“ aus dem Häusermeer heraus und bildete so eine unübersehbare religiöse Landmarke in der Stadt. Am Bahnhof in Lhasa erwartete uns schon Ricky unser Guide. Wir wurden von ihm mit dem traditionellen weißen Schal empfangen. Nach dem herzlichen Empfang brachte er uns zu unserem Hostel. Da für den Rest des Tages nichts mehr geplant war, verabredeten wir uns zum Sightseeing am nächsten Morgen.

Von der Dachterrasse des „New Masala Restaurants“ hatten wir einen guten Blick auf den „Barkhor Square“  im Zentrum der Altstadt von Lhasa. In den Straßen unter uns herrschte reges Treiben. Die Händler an den gut gefüllten Marktständen priesen die unterschiedlichsten Waren an. Zwischen der interessierten Kundschaft bahnte sich immer wieder die ein oder andere Fahrradrikschas den Weg durch die Menschenmenge und spaltete diese für einen kurzen Moment. Von Zeit zu Zeit trug der Wind exotische Düfte abbrennender Räucherstäbchen an unsere Nasen und hüllte uns so in eine weitere Dimension der Wahrnehmung. Auf dem Dach gegenüber waren ebenfalls die Sinne geschärft. Zwei junge Soldaten saßen unter einem Sonnenschirm und beobachteten das Geschehen unter ihnen. Beim Blick über die anderen Häuser offenbarte sich das gleiche Bild. Ein schwarzer Bus fuhr vor. Gut fünfzig Polizisten sprangen heraus und nahmen Aufstellung. In kleinen Gruppen marschierten sie im Anschluss zu ihren Kontrollpunkten. Auf dem Platz unter uns drehten fünf Soldaten wie ferngesteuert ihre Runden.
Wir treffen uns mit Ricky. Heute brauchen wir seine Hilfe, um den „Potala Palast“ besuchen zu können, denn ohne Touristenführer: kein Einlass. Auf dem Weg dorthin erzählt er uns einiges über die Geschichte Tibets, welche in Teilen auch seine ist. Ricky wurde mit sechs Jahren von seinen Eltern heimlich über die Berge nach Nepal und später nach Indien geschickt, wo er die Schule des Dalei Lama besuchte. Nach 15 Jahren kehrte er nach Tibet zurück, legte sich einen anderen Namen zu und arbeitet seitdem als Touristenführer. Er ist vorsichtig, wenn er uns etwas erzählt und schaut sich oft um, während wir durch die Stadt laufen, könnte doch an jeder Ecke ein ziviler Polizist unsere Gespräche im Vorbeigehen belauschen. Wir nähern uns dem „Potala Palast“. Er wirkt auf uns wie eine Trutzburg im Meer der chinesischen Einheitsbreiarchitektur. Noch heute symbolisiert der ehemalige Regierungssitz der Dalei Lamas ein wichtiges religiöses Zentrum für die Tibeter. Beleg dafür sind täglich hunderte Gläubige, die nicht nur die riesige Anlage mehrfach umrunden, sondern auch das Innere aufsuchen. Bei der Besichtigung der Räume begegnen wir vielen Tibetern die andächtig vor den Heiligen verweilen, Opfergaben auslegen oder in eigens mitgebrachten Thermoskannen flüssige Butter in die aufgestellten Schüsseln mit Kerzendochten füllen und ein neues Licht entzünden. Wir als Besucher können bei unserem Rundgang nur einen Bruchteil der 999 Räume besichtigen. Die Privatgemächer der Dalei Lamas, deren Gräber sowie eine Vielzahl kleiner Kapellen und Zeremonienhallen sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Größe der Anlage ist ebenfalls beeindruckend und umfasst ein Areal von ca. 350 x 300 Meter. Dieses liegt auf dem 130 Meter hohen Berg „Mar-Po-Ri“, was übersetzt „Roter Berg“ bedeutet. Die tiefe Religiosität der Einheimischen fiel uns auch im Stadtbild sofort ins Auge. Besonders beeindruckend waren dabei die Gläubigen die in wiederkehrender Reihenfolge zunächst die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich anschließend auf den Boden werfen, danach aufstehen und ein paar Schritte laufen und wieder mit der Abfolge von vorn beginnen. Dabei handelt es sich nicht nur um ältere Menschen, wie man meinen könnte. Junge Frauen und Männer stehen dem in nichts nach. Insbesondere vor dem „Jokhang Tempel“, dem Zentralheiligtum im Herzen der Stadt, sind diese ausgeprägten Gebete zu beobachten. Uns als Nichtgläubige beeindruckte diese Zeremonie außerordentlich, ist sie doch ein Gradmesser für die starke Verwurzelung der Tibetaner mit ihrem Glauben.

Ein Gespenst geht um in China – das Gespenst eines freien Tibets. Wo Dialog nicht möglich oder gewollt ist, muss mit Gewalt der Wille gebrochen werden. Die Angst vor einem Aufbegehren sitzt bei der chinesischen Regierung tief. Wenn schon im eigenen Kulturbereich bei jedem Widerspruch reflexartig die Knüppel zur „Problemlösung“ bemüht werden, steht es um den aus chinesischer Sicht minderwertigen Tibeter noch schlechter. Neben offensiver Prävention haben die Chinesen in den letzten Jahren aber auch einen schleichenden „Genozid“ eingeleitet – natürlich nur zum Wohle Tibets. Man siedelt einfach massenhaft Chinesen um, gewährt diesen jegliche Vergünstigungen und macht aus den Einheimischen eine Randgruppe im eigenen Land. Nebenbei wird die einmalige tibetische Kultur durch Umerziehungsprogramme gleichgeschalten und auf einen regierungsfreundlichen Kurs gebracht. Zuvor wurde schon die Geschichte verdreht und am Ende ist Tibet seit Jahrtausenden ein Hort der chinesischen Kultur und somit dem Vaterland China bedingungslos zugehörig. Lhasa wirkt äußerlich friedlich, aber unter der Decke brodelt es. Das irgendetwas nicht stimmt, lässt die permanente Polizei- und Militärpräsens in der Innenstadt rund um den „Barkhor Square“ schon vermuten. Seit den Demonstrationen im Jahr 2008 wird der Innenstadtkern systematisch überwacht, um erneute Proteste zu verhindern. Auch die Feuerlöscher an den Außenseiten des Platzes sind Beleg dafür, zünden sich doch regelmäßig Mönche aus Protest öffentlich selbst an. Der Grund für die anhaltende Unzufriedenheit liegt in der Unterdrückung der tibetischen Bevölkerung. Der durch die Regierung gesteuerte Zuzug von Chinesen führt dazu, dass zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt die Tibeter zu Gunsten der Chinesen verdrängt werden oder nur ein Drittel der üblichen Bezahlung erhalten. Auch bekommen die zugezogenen Chinesen jahrelang Vergünstigungen gewährt, wie zum Beispiel die kostenlose Krankenversicherung. Auf der anderen Seite müssen tibetische Gewerbetreibende höhere Steuern zahlen als die Chinesen. Neben der fiskalischen Benachteiligung beschränkt der chinesische Staat auch das Ausleben der tibetischen Kultur, ein Grund übrigens warum unser Guide ins Ausland zur Schule geschickt wurde.
Mönche, die sich gegen die Beschränkung ihrer Religionsausübung wehrten, wurden massenhaft verschleppt und umgebracht oder in Umerziehungslager gesteckt, wo sie auf einen regierungstreuen Kurs gebracht werden. Ergebnisse dieser Umerziehung sind dann Klöster wie die „Sera Monastery“ in Lhasa, wo von einst 7.000 Mönchen nur noch 1.000 leben. Die “Umerzogenen“ dürfen dann von  Touristen bei öffentlichen Diskussionsrunden besucht werden, wo sie zwar unter Aufsicht der Staatsmacht das äußerliche Ritual pflegen dürfen, der Inhalt sich aber um Belanglosigkeiten des Lebens dreht. Die offizielle chinesische Seite sieht sich im Gegensatz dazu als Befreier Tibets vom Joch verschiedener internationaler Mächte. Mit dem Einmarsch 1950 in Tibet wurden die Tibeter ebenfalls aus ihrer Rückständigkeit gerissen und können seitdem am chinesischen Fortschritt teilhaben. Bezüglich der Lebensbedingungen mag dies auch stimmen, doch mit welchem Preis ist das verbunden. Aus unserer Sicht würde die Mehrzahl der Menschen lieber ärmer, dafür aber frei leben. Eine grundlegende Veränderung diesbezüglich kann und wird es wohl nur mit demokratischen Veränderungen in China selbst geben. Wir werden sehen, welche Veränderungen die Zukunft für Tibet bereithalten wird.

Unser erster Ausflug außerhalb Lhasas führte uns zum Namtso Lake, dem mit 4.718 m höchstgelegenen Salzsee weltweit. Bei frostigen Temperaturen starteten wir am frühen Morgen unsere Tour zum 250 km entfernt liegenden See. Jigme, unser Fahrer, hatte seinen Toyota Land Cruiser für uns blitzblank poliert und so konnte es losgehen. Nicht grundlos schlichen wir den ersten Teil der Strecke gemütlich über Tibets Straßen, mussten wir doch in regelmäßigen Abständen an Polizeikontrollen stoppen. Nein, nein… diesmal war es nur eine Geschwindigkeitskontrolle. An jedem Kontrollpunkt bekamen wir eine Zeit auf einen Zettel geschrieben, welche uns vorgab wann wir frühestens am nächsten Punkt zu erscheinen haben. Dies soll der Verkehrssicherheit dienen und die Raser bremsen. Resultat dieser Parodie ist, dass der Großteil der Fahrzeugführer trotzdem rast und dann ein Stück vor der nächsten Kontrolle eine Pause einlegt. Denn wer zu früh erscheint, bezahlt bereits ab der ersten Minute 200 RMB (ca. 22 €).
Die erste Zwischenstation auf dem Weg zu unserem Tagesziel stellte der „Old Pass“ mit seinen 5.190 m dar. Nicht nur die kalte steife Brise sondern auch die Höhe machten den Aufenthalt dort unangenehm. Zum Ausgleich wurden wir zumindest mit einem fantastischen Ausblick auf den Namtso Lake entschädigt. Ein Stündchen später erreichten wir auch schon den See. Malerisch eingerahmt von einer Kette schneebedeckter Berge breitete der See sein tiefblaues Wasser aus. An den Ufern des wunderschönen Gewässers verdienten sich die Einheimischen mit Scharen von Touristen ihr Geld. Auf` s Yak setzen, drei Schritte rückwärts ins Wasser, Foto machen und alles ist toll. Wir probierten es auch mal aus. Stimmt. Beim anschließenden Spaziergang entlang des See` s kamen wir ganz schön aus der Puste. Mit letzter Kraft schleppten wir uns ins nahe gelegene Touristendörfchen und verschnauften erstmal. Die Höhe machte uns heute ganz schön zu schaffen. Nicht nur Sauerstoffmangel, auch Kopfschmerzen quälten uns. So waren wir auch nicht böse den Heimweg in Richtung flacherer Gefilde wieder anzutreten. Einen etwas skurrilen Zwischenstopp hielten unsere beiden Guides doch noch für uns bereit. Der Besuch eines „Thermalbades“. Welche unterschiedlichen Vorstellungen das in den Köpfen auslösen kann, erlebten wir dann wenig später vor Ort. Von außer sah das Gebäude noch relativ akzeptabel aus. Beim Betreten der Halle zeigte sich allerdings, dass der Zahn der Zeit hier bereits mächtig genagt hatte. Die beiden Schwimmbecken, von denen nur eins gefüllt war, hatten ihren Zenit auch schon überschritten. Zwar waren sie mit diversen Topfpflanzen schön eingerahmt, aber die braunen Ränder ließen sich damit nicht übertünchen. Auf der Wasseroberfläche spiegelte sich im Sonnenlicht ein nicht näher definierbarer Belag. Wir redeten uns ein, dass das die Minerale sein müssen. Neben den Becken spielte eine Gruppe junger Tibeter bei Schnaps und Zigaretten Mahjong. Die Umkleideräume auf der gegenüberliegenden Stirnseite wirkten auf uns wie der Eingang zur Hölle. Hier sollten wir baden gehen? Unsere beiden Guides fragten uns immer wieder eindringlich, ob wir nicht die Chance nutzen wollten, um ins Wasser zu springen. Um eine diplomatische Antwort bemüht, stotterten wir uns etwas ab und schoben es auf die fehlenden Badesachen. Erleichterung machte sich bei uns breit als wir endlich weiterfahren konnten, ohne einen Fuß in die Fluten gesetzt zu haben. Der Eintritt ist übrigens frei.

Unsere Zeit in Lhasa endete bereits am nächsten Tag. Gemeinsam brachen wir am Morgen in Richtung Shigatse auf, der zweitgrößten Stadt Tibets. Die Fahrt dorthin führte uns entlang des malerischen Yamdrok Sees, vorbei am Kharola Gletscher und der religiösen Hochburg Gyanstse bis wir schließlich in die fruchtbare Ebene vor Shigatse eintauchten. In der etwas staubigen Stadt Shigatse besuchten wir nur noch die „Palkhor Chode Monastery“ und trafen dabei zufällig wieder auf die deutsche Reisegruppe aus der Tibetbahn. Für den Abend verabredeten wir uns gleichmal mit Günther an der Hotelbar, wo wir dann bei zwei, drei Büchsen Bier die Erlebnisse der vergangenen Tage austauschten. Trotz allem suchten wir recht früh unser Bett auf, stand doch am nächsten Tag die lange aber sehnsüchtig erwartetet Etappe zum Mount Everest Basecamp auf dem Programm.
Nach dem Start am Morgen brauchten wir gut drei Stunden bis wir zum ersten Mal einen Blick auf den Mt. Everest erhaschen konnten. Ein ergreifender Moment, auch wenn der Berg von weitem eher noch einem schneebedeckten Hügel glich. Um den Mt. Everest Nationalpark betreten zu können,  benötigten wir übrigens neben Eintrittskarten noch eine weitere Erlaubnis – Die „Alien`s Travel Permit“. Ja richtig gehört, damit sind wir gemeint. Die Chinesen bezeichnen die Erlaubnis für Ausländer so, warum auch immer. Nach dem letzten Militärposten war der Weg frei. Auf einer mehr oder weniger komfortablen Staubpiste quälte sich unser Jeep zunächst 30 km bergauf. Beim Erreichen des Scheitelpunktes blieb uns dann der Mund offen stehen. In der Mitte des Bergpanoramas erhob sich der Mt. Everest und strahlte im leuchtenden Weiß vor dem tiefblauen wolkenlosen Himmel. Unser Fotoapparat glühte in den nächsten Minuten, mussten wir doch die einmalige Chance dieser Bilderbuchansicht für jede Menge Schnappschüsse nutzen. Noch war das Ziel aber nicht erreicht, denn es lagen noch gut 70 km teils widriger Pisten vor uns. Gut zweieinhalb Stunden später hatten wir es aber geschafft. Am Ende eines Tales erschien „der Berg der Berge“ und gab sein ganzes Antlitz ungehindert frei. Im ersten Moment konnten wir es gar nicht richtig fassen, angekommen zu sein. Alles kam uns so plötzlich und unerwartet, vielleicht auch ein bisschen unwirklich vor. Wir mussten uns kneifen, um den Augenblick richtig realisieren zu können. Die letzten Meter bis zum Basecamp I vergingen dann wie im Flug. Im Zeltlager, das direkt am Weg zum Fuße des Berges lag, bezogen wir nur schnell Quartier und fuhren im Anschluss noch näher an den Berg heran. Der „Qomolangma“, wie der Berg von den Tibetern auch genannt wird, präsentierte sich uns weiterhin bei wolkenlosem Himmel. Wir verharrten einfach nur ehrfürchtig bei diesem Anblick und genossen jede Minute. Eine halben Stunde später traten wir dann frierend wieder den Rückweg ins Zeltlager an, von wo aus wir noch den Sonnenuntergang beobachteten. Den Abend ließen wir dann gemeinsam mit unseren Guides im Zelt ausklingen. Besonders erfreuten sich die Tibeter an unserer Einführung in deutsche Sitten und Gebräuche. Das Highlight dabei war zweifellos unsere Tanzeinlage mit der Präsentation des “Disko Fox“ zur Musik von Roland Kaiser. Die ausgelassene Stimmung begossen wir noch mit einem Abschlussbierchen bevor es dick eingemummelt in die Betten ging. Der kleine Ofen im Zelt, welcher übrigens mit getrocknetem Yak- und Ziegenkot beheizt wird, hatte aber ganze Arbeit geleistet. Die gesamte Nacht herrschten angenehme Temperaturen im Zelt trotz der Höhenlage.

Unser letzter Tag in Tibet brach an. Noch vor dem Frühstück schauten wir uns den Sonnenaufgang am Mt. Everest an und gaben im Anschluss noch ein paar Karten beim höchsten Postamt der Welt auf. Es war Zeit Abschied zu nehmen. Bei einem letzten Stopp blickten wir noch einmal gebannt auf diesen naturgeschaffenen Giganten zurück und schlossen das Bild für immer in unsere Gedächtnisse ein. Die nächsten Stunden quälte sich unser Jeep über bucklige Pisten bis nach „Old Tingri“. In einem tibetischen Restaurant ließen wir uns noch einmal das typische Essen schmecken, bevor wir den letzten Abschnitt bis zur nepalesischen Grenze antraten. Zwei Stunden später erreichten wir einen letzten Pass auf über 5.200 m. Von dort aus bot sich uns nochmals ein einmaliges Panorama auf den gesamten Ost-Himalaya. Wie auf eine Perlenkette gefädelt, reihten sich im Halbkreis die schneebedeckten Gipfel aneinander und wirkten aufgrund unserer eigenen Höhe vergleichsweise klein. Im Anschluss fuhren wir nur noch bergab und erreichten gut 3.200 m tiefer den Grenzort Zhangmu. In den knapp 90 min Autofahrt hatte sich die Landschaft komplett verändert. Von den trockenen spärlich bewachsenen Höhenlagen aus tauchten wir in eine saftig grüne Pflanzenwelt ein.
Die an den Berghängen liegende Stadt Zhangmu hielt für uns dennoch nur Stress und Hektik bereit. Die einzige Verkehrsader des Ortes war völlig mit LKW` s verstopft, die ihre Waren im Grenzort umschlugen. Beim zweiten Versuch fanden wir etwas später auch ein Hotel, was halbwegs bewohnbar war, aber horrende 40 € kostete – eine richtige Grenzstadtabzocke. Mit dem Beginn des nächsten Tages hieß es für uns Abschied nehmen, nicht nur von unseren beiden Begleitern, sondern auch von Tibet bzw. China. Nach drei Monaten Aufenthalt ging für uns eine wunderschöne und erlebnisreiche Zeit zu Ende. Wie immer blicken wir aber nach vorn und freuen uns auf neue Abenteuer in einem neuen Land…

Bis zum nächsten Mal aus Nepal
Eure zwei Weltreisenden

Angie & Thomas



Kann man’s schon sehn…?

21 10 2011

Location: Lhasa
Wetter: angenehm warm
Zeitunterschied: + 6 Std.

Es hätte nicht mehr viel gefehlt und wir wären an unseren Sitzen angewachsen. Nach 30 Stunden erreichten wir endlich Chengdu und schworen uns, dass wir uns solch eine Strapaze im Sitzabteil nie wieder antun werden.

Schon beim Betreten der Wartehalle in Peking war uns klar, was uns an diesem Tag erwarten wird. Bereits eine Stunde vor der Öffnung des Bahnsteigs standen hunderte Menschen vor den Toren und warteten auf Einlass. Der Sturm der Waggons, der nach der Öffnung der Tore einsetzte, erinnerte uns eher an eine Massenpanik als an das Besteigen eines Zuges. Wir fanden unsere Plätze und waren froh eine Sitzbank für uns allein zu haben. Der Wagon füllte sich und bei der Abfahrt war selbst der Gang mit fröhlich gelaunten Chinesen vollgestopft. Wie beschäftigt man sich nun die ganze Zeit auf solch einer Reise? Oberste Priorität hatte zunächst die Verteidigung des uns zustehenden Platzes. Wer die Chinesen kennt, der weiß, dass es um die Privatsphäre nicht gut bestellt ist. Und so rücken einem im Zug die Zeitgenossen mit den Stehplatztickets ganz schön auf die Pelle. Beugt man sich nach vorn, lümmelt recht schnell ein im Gang stehender Passagier so auf der Lehne, dass an ein Anlehnen nicht mehr zu denken ist. Gerne wandern auch die Füße der im Gang Sitzenden in den eigenen Fußraum, sodass zwischen den 4-er Bänken anstatt acht, zehn Beine wie Mikadostäbchen übereinander liegen.
Zu dem für Mitteleuropäer unüblichen Körperkontakt gesellt sich dann noch der recht gewöhnungsbedürftige Habitus einiger chinesischer Menschen vom Lande. Das ständige „Schleim aus dem Hals“ hochziehen mit der anschließenden Suche eines Ausspuckplatzes am Boden ließ auch bei uns mehrfach das Messer in der Tasche aufgehen. Ähnlich verhielt es sich mit dem bei Reisen anfallenden Müll. Wir haben nichts dagegen den Müll auf dem Boden zu sammeln, wohl gemerkt halbwegs geordnet, aber wenn genügend Abfalleimer im Abteil, welche aber nicht genutzt werden, verlieren auch wir das Verständnis. Zur Lösung des Problems kam uns wieder eine Charaktereigenschaft der Chinesen zugute. Niemand möchte in der Öffentlichkeit sein Gesicht verlieren, schon gar nicht gegenüber einem „ Ausländer“. Also meckerten wir in typisch deutscher Manier, was aber Wirkung zeigte. Mit gutem Vorbild voran zeigten wir im Anschluss unseren Mitreisenden wie man am besten den Papierkorb findet.
Ansonsten gab es nicht viel zu tun. Die regelmäßige Essensaufnahme unterbrach den Sekundenschlaf oder den starren Blick aus dem Fenster. Einmal gab es noch große Aufregung im Zug. Gut 10 Stunden vor unserer Ankunft stoppte unser Zug in einem Bahnhof. Schnell verbreitete sich die Nachricht, dass die vor uns liegende Strecke verschüttet sei. Eine Reihe von Fahrgästen stieg aus dem Zug aus und suchte sich einen Bus nach Chengdu. Zum Glück erwies sich nach einer Weile alles nur als Ente und wir konnten die Fahrt fortsetzen. Nach 30 Stunden Fahrtzeit erreichten wir dann glücklich Chengdu.  Unser Hostel fanden wir recht schnell. Bevor es aber ins Bettchen ging, genehmigten wir uns noch einen eiskalten Hopfentee. Prost.

In Chengdu legten wir zunächst unser Augenmerk auf das Buchen unserer Tibettour. Da Individuellreisen auf das Dach der Welt nicht mehr erwünscht sind, mussten wir notgedrungen eine Agentur zur Planung des Aufenthaltes einschalten. Neben der Beantragung der Einreiseerlaubnis werden sämtliche Ausflüge und Besichtigungen vorgeplant. Ebenfalls bekommt man einen Guide zur Seite gestellt, der einen zumindest außerhalb der Städte immer begleiten muss. Für die Fortbewegung außerorts ist ebenfalls die Anmietung eines Fahrzeuges notwendig. Summa summarum schlägt die Reise dann mächtig auf den Geldbeutel. Aber was tut man nicht alles für die Erfüllung eines Traumes…

Neben der ganzen Organisation wollten wir auch noch etwas rund um Chengdu unternehmen. Leider fiel unsere Planung diesbezüglich in den gleichen Zeitraum wie die chinesischen Ferien um den Nationalfeiertag. Das bedeutet in China – alles ist ausgebucht und man kann sich vor Menschen kaum retten. Da die Aussichten alles andere als rosig waren, beschlossen wir ein paar Tage sesshaft zu werden. Da unser Hostel jeglichen Komfort bot, den wir uns nur wünschen konnten, stellte dies kein wirkliches Problem dar.
Ganz faul waren wir aber auch nicht. Zumindest besuchten wir alles in und um die Stadt herum. Ganz oben auf der Liste stand dabei der Besuch bei den Pandabären. Chengdu gilt als Panda-Hauptstadt der Welt und räumt daher dem chinesischen Nationalsymbol einen gebührenden Platz ein. Ein Besuch der etwas außerhalb der Stadt gelegenen Aufzuchtstation gehörte daher zum Pflichtprogramm. Um die Bären wenigstens aktiv sehen zu können, bietet sich der frühe Morgen an. In dieser Zeit werden die Bären gefüttert. Wir genossen dieses Schauspiel und konnten jede Menge Bären beim Verputzen ihres Frühstücks beobachten. Im Areal leben ebenfalls die im Schatten der Großen Pandas stehenden Roten Pandas. Schaut euch am besten einfach die Fotos von den beiden Kuschelbären an.

Neben dem Besuch einiger alter traditioneller Viertel, welche nett anzusehen waren, aber in fast jeder chinesischen Stadt zu finden sind, statteten wir auch der örtlichen „China Post“ einen Besuch ab. Ihr fragt euch jetzt natürlich, was so besonders an einem Postbesuch sein könnte. So hört unsere Erlebnisse zum Thema: „Der Versuch der Versendung von Postkarten“.
Die erste Postfiliale war schnell gefunden. Die Mitarbeiterin hinter dem Tresen verstand sofort unser Begehren und legte los. Nachdem sie die Anzahl unserer Postkarten bestimmt hatte, verschwand sie für eine Weile. Als sie wieder erschien mussten wir uns erst mal die Augen reiben. Ganze vier Marken plus ein Postwertzeichen wollte die gute Frau auf unsere Karten kleben, in Mangel einer einzigen Briefmarke für das europäische Ausland. Bei den Legeversuchen auf der Postkarte stellte die Dame  fest, dass die Versendung keinen Sinn machen würde, außer man wollte einen Briefmarkensatz an einen Philatelisten verschicken. Wir brachen an dieser Stelle ab und entschlossen uns zur Internationalen Filiale der „China Post“ zu gehen.
Wir betraten die Internationale Filiale und legten unsere Karten vor. Die Prozedur startete von vorn. Karten zählen…in der Tiefe des Raumes verschwinden… und Minuten später erschien die Mitarbeiterin mit nur 3 Briefmarken pro Karte wieder am Tresen. Was ein Glück, zumindest eine Marke weniger. Allerdings musste noch ein Stempel auf die Postkarten, ohne dass dieser eine Marke berührt. Die Mitarbeiterin startete ihren Arbeitsablauf und stempelte mal pauschal alle 14 Karten ab. Da sich noch keine Briefmarken auf der Karte befanden, entpuppte sich das als leichte Aufgabe. Dann begannen wieder die Legeübungen mit den Marken. So viel Mühe sie sich auch gab, es passte einfach hinten und vorn nicht, da der Stempel bereits den meisten Platz blockierte. In der Postfrau wuchs die Einsicht, dass doch zunächst geklebt werden muss. Das Klebefässchen mit Pinsel war schnell bei der Hand und los ging es. Zwei Marken oben rechts passten gerade so. Die dritte Marke wurde dann meist an irgendeinen Rand geklebt und der überstehende Teil, meist die Hälfte der Marke, nach vorn umgeklappt. Ihr Meisterstück vollbrachte die umtriebige Postfrau aber mit einer Karte die wir an uns selbst adressiert haben. In China werden Eintrittskarten meist so gestaltet, dass man sie als Postkarte verschicken kann. Wir hatten solch eine Karte der chinesischen Mauer. Schaut euch das Ergebnis einfach mal an – das Foto befindet sich in der Galerie.

Nach reichlich Tagen in Chengdu war es dann endlich soweit. Der Tag unserer Abreise nach Lhasa mit der Tibetbahn war gekommen und wir freuten uns, dass es endlich losging. Mit einer wirklichen Überraschung verabschiedeten sich die Mitarbeiter unseres Hostel bei uns. Wir bekamen einen typischen „deutschen Napfkuchen“ (Gugelhupf) mit auf den Weg. Ob uns dieser Kuchen auch geschmeckt hat, erfahrt ihr in unserem nächsten Bericht über Reise durch Tibet.

Bis dahin alles Gute. Eure zwei Weltreisenden

Angie und Thomas



Ein lebhafter Mix China

15 10 2011

Location: Chengdu
Wetter: tagsüber sommerlich warm, abends angenehm kühl
Zeitunterschied: + 6 Std.

Beim Blick aus dem Fenster huschten gerade die letzten Häuser der Pekinger Außenbezirke an unserem Zug vorbei. Je tiefer wir in die Dunkelheit eintauchten, umso schwächer wurden die Lichter der Stadt… bis sie am Horizont mit dem rotgrauen Schleier der Abenddämmerung verschmolzen. Ein wenig Wehmut machte sich in uns schon breit, verließen wir doch eine Stadt, die einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen hat. Um uns herum saßen fröhlich gelaunte Chinesen, denen man die Vorfreude auf die Rückkehr in ihre Heimatstädte buchstäblich von den Gesichtern ablesen konnte. Wir blickten ebenfalls nach vorn, freuten wir uns doch auf unsere nächsten Reiseziele. Das Erlebte tragen wir dabei in unseren Herzen mit uns…

Völlig unerwartet strahlte der Himmel über Peking bei unserer Ankunft in einem satten Blau, sodass man hätte denken können, die nächsten Olympischen Spiele stehen vor der Tür. Der Genuss des Firmaments war uns aber nur kurz vorbehalten, mussten wir doch zunächst in den Untergrund abtauchen. Mit „Sack und Pack“ quetschten wir uns für ein paar Minuten in die überfüllte Pekinger Metro, um zu unserem Hostel zu gelangen. Nördlich der Innenstadt erblickten wir wieder das Tageslicht und legten die letzten Meter zu unserer Herberge zurück. Diese befand sich in einem der traditionellen Hutongs, welcher nicht einer Modernisierungswelle zum Opfer gefallen war. Nach dem Einchecken nahmen wir uns für den Rest des Tages nicht viel vor, außer Essen gehen. Die Suche nach einem Lokal gestaltete sich etwas schwierig und endete heute mal mit einem kleinen Fehlgriff. Es war aber auch schwierig das Richtige zu bestellen, da die englische handschriftliche Übersetzung der Speisekarte recht „dünn“ war. Das Problem sollte sich aber in den nächsten Tagen in Wohlgefallen auflösen.

Wie ist es nun in Peking, werdet ihr sicher fragen. Eine kurze und umfassende Antwort darauf zu geben, ist wie ihr euch sicher denken könnt, schwierig, da die Stadt zu viele Ambivalenzen in sich vereint. In Bezug auf alles Sehenswerte fiel uns beim Blick auf den Stadtplan aber sofort der Werbeslogan eines deutschen Schokoladenherstellers ein – „Quadratisch. Praktisch. Gut“. Zumindest in Punkto Orientierung gab es also keine Probleme. Behält man den geometrischen Blick bei und schaut in das Zentrum der Stadt findet man sogleich das wohl bekannteste Viereck Pekings – den „Tianamenplatz“. Im Deutschen ist er auch unter dem Namen „Platz des Himmlischen Friedens“ bekannt. Die Schönheit, auch dieser ebenerdigen Fläche, wird zweifellos durch ihre Bebauungen im Umfeld bestimmt und variiert je nach Auge des Betrachters. Der Platz beherbergt außer Maos Mausoleum die „Säule für die Helden des Volkes“, die „Große Halle des Volkes“ sowie das „Chinesische Nationalmuseum“. Wie die Namen der Gebäude schon verraten, wurde bei deren Größe eher „geklotzt als gekleckert“. Die vielen monumentalen Bauten für „Das Volk“ erinnerten uns stark an den „Größenwahn“ eines gewissen „Nicolae“ aus Bukarest…? Dennoch, der Platz hat irgendwie eine fesselnde Ausstrahlung, die aber nur schwer in Worte zu fassen ist.

Nach der Überquerung der großen Ost-West Magistrale im Norden des „Tianamen“ schließt sich die „Verbotene Stadt“ an. Der Weg dorthin führt durch das „Tor des Himmlischen Friedens“ – jenes Gebäude an dem ein Bild des wohl bekanntesten Opas Chinas hängt. Nach dem Durchschreiten dieser Pforte landet man leider nicht auf „Wolke 7“ sondern inmitten einer Ansammlung chinesischer Händler. Dort obliegt es dann jedem Einzelnen, ob er Dinge kauft, die nur ein Chinese gebrauchen kann. Mit zügigem Schritt erreicht man jedoch recht schnell die Tore zum Inneren der Stadt. Ein Besuch der „Verbotenen Stadt“ ist natürlich ein „Muss“ und lohnt sich auf alle Fälle, auch wenn man vielleicht schon jede Menge Tempel auf seiner Reise durch China gesehen hat. Wir ersparen uns eine Aufzählung aller Einzelheiten aber nicht ohne den Hinweis, auch einmal rechts und links der Hauptroute einen Blick hinter die Mauern zu werfen. Nach der Besichtigung wechselt man am Nordausgang der „Verbotenen Stadt“ die Straßenseite, um im dort gelegenen „Jingshan Park“ den Hügel mit dem darauf befindlichen Tempel zu besteigen. Fast besser als das eigentliche Erlebnis „Verbotene Stadt“ offeriert dieser Aussichtspunkt einen fantastischen Blick über die gesamte Anlage. Auch der letzte Kaiser Chinas fand den Blick von dort oben wohl einzigartig und sicherte sich an einem Ast hängend einen der begehrten Aussichtsplätze.

Natürlich besteht Peking nicht nur aus „Sightseeing“ sondern sollte bei einem längeren Aufenthalt auch ein wenig Genuss beinhalten. Gleich am zweiten Abend fanden wir auf der Pekinger Einkaufsmeile einen netten Bierstand mit frischem chinesischem Fassbier. Nach ein paar Gläsern trafen wir dort auch ein nettes deutsche Pärchen im mittleren Alter. Und wie es sich so ziemt, folgte ein Bier dem Nächsten bis irgendwann alle Geschäfte ringsum schon geschlossen waren und nur noch die Pekinger Stadtreiniger ihre Arbeit im Umfeld versahen. Es war ein richtig netter Abend gewesen und so verabredeten wir uns gleich nochmal für den nächsten Tag. Drei Tage lang warteten wir noch auf Rita und Guido in Folge… danach gaben wir es auf. Aber kein Problem ihr Beiden… es war trotzdem nett. Also schöne Grüße nach Kirchworbis ;-)
Und wo wir gerade beim Thema Genuss sind … ein richtig gutes Restaurant war nach zwei Tagen ebenfalls aufgetan. Die typische „Sichuan Küche“ ist uns seitdem ans Herz gewachsen.

Das Thema „Mauer“ begleitet uns beide ja schon seit unserer Geburt, so auch in Peking. Etwa 70 km nördlich der Stadt verläuft die „Great Wall“. Wir wählten den wohl bekanntesten Abschnitt des Bauwerkes in „Badaling“ für einen Besuch aus, da dieser auch ohne eine Tour zu buchen, problemlos erreichbar war. Wie fast alles im Leben hat die Sache natürlich auch einen Haken. Unmengen an Touristen sowie das einschlägige chinesische Händlervolk behinderten teilweise das ungestörte Vergnügen der Besichtigung. Nach ein paar Metern bergauf lagen die lautstarken Händler hinter uns und etwas später bog die Schlange an chinesischen Touristen zum Glück in die andere Richtung auf die Mauer ab. Und so konnten wir „fast allein“ auf unserem Abschnitt herum spazieren und genossen dabei den tollen Ausblick auf den wohl bekanntesten Teil der Mauer. Recht schnell stellten wir auch fest, welche Meisterleistung beim Bau dieses Weltwunders vollbracht wurde, schmiegen sich doch viele Abschnitte an so steile Hänge, dass diese nur kletternd auf allen Vieren erklommen werden können. Nach unserem Besuch der Mauer schlenderten wir noch ein wenig in der Gegend herum und fanden nahe dem örtlichen Bahnhof ein kleines Dorf. Die Anzahl derer, die dieses Dorf ebenfalls besuchten, ging gegen null. Und so genossen wir in absoluter Stille unser Mittagsmahl und kein „Schmatzen“ war weit und breit zu hören.

Neben moderner Architektur hat Peking natürlich auch jede Menge Traditionelles zu bieten. Die schon angesprochenen Hutong- bzw. Siheyuanviertel sind dabei ein wichtiger Bestandteil  des historischen Pekinger Stadtbildes. In den letzten Jahrzehnten mussten viele dieser Gebiete moderneren Wohnanlagen weichen, da sie veraltet waren und nicht genügend Menschen Platz zum Wohnen boten. Seit einigen Jahren jedoch besinnen sich die Pekinger Stadtväter wieder vermehrt auf die alten Werte und fördern so auch den Erhalt dieser Viertel. Als Ergebnis dieses Umdenkens erstrahlen heute wieder einige der „Hutongs“ in ihrem alten Glanz und zeigen anschaulich, wie die Menschen dort bereits in der Vergangenheit gelebt haben. Die zwischen den Wohnhäusern verlaufenden schmalen Gassen sind dabei kennzeichnend für die Hutongviertel. Die Mauern der alten Gebäude haben aufgrund der Materialwahl eine tief graue Farbe. Einzig die roten Eingangstore stechen aus dieser Monotonie heraus und sorgen für etwas Abwechslung im Farbspektrum. Uns machte es viel Spaß durch die engen Gassen zu schlendern und die Menschen bei ihrem täglichen Leben zu beobachten, bekamen wir doch so einen unverfälschten Blick auf die Einheimischen. Ob beim Kartenspielen im Gemeinschaftsraum, dem Pläuschchen auf der Straße oder in einem der vielen kleinen Restaurants – in den Hutongs kommt man den Pekingern sehr nah.
Ein Thema müssen wir aber noch ansprechen, da es uns gerade in den Hutongs auffiel. Sehr viele Chinesen besitzen Hunde – vorrangig Pudel und andere kleine „Quäker“. Sehr oft beobachteten wir, mit welcher Freude die Menschen ihre „Lieblinge“ ausführten. Dabei muss es in unserer Gasse so viele Hunde gegeben haben, dass sich die Autobesitzer genötigt sahen, an ihren geparkten Fahrzeugen die Reifen mit Holzplatten und Ähnlichem abzudecken, da Unmengen der „Bellos“ täglich dagegen urinierten. Also nichts da, mit dem Vorurteil des hundeessenden Chinesen. Bis auf ein paar Chinesen im Süden des Landes essen die meisten nämlich keine Hunde.

Im Vergleich zu anderen Großstädten Chinas hinkt Peking in Punkto moderne Architektur noch ein wenig hinterher, ist aber auf dem besten Weg, den Rückstand aufzuholen. Lässt man einmal die traditionellen Viertel aus, fallen aber viele Gebäude aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zu Recht der Abrissbirne zum Opfer, da sie alles andere als schön sind. Auch im Bereich der Verkehrsinfrastruktur ist ein rigoroser Ausbau unumgänglich. Wie ihr schon unserer Einleitung entnehmen konntet, ist die Metro immer gut gefüllt und auf den Straßen sieht es oft nicht besser aus. Umso weiter man in Richtung der Außenbezirke kommt, umso grauer, gleichförmiger und höher werden die Häuser. Aber auch hier zeigen sich schon deutliche Fortschritte bezüglich neuer Bauvorhaben. Riesige neue Wohnviertel für die stetig steigende Zahl an Einwohnern werden aus dem Boden gestampft, um der prekären Lage auf dem Wohnungsmarkt  Herr zu werden. Die neuen Wohngebiete werden zwar nie einen Schönheitspreis gewinnen, bieten aber zumindest ein mehr an Komfort für die Bewohner.

Wie auch schon in anderen Großstädten fiel es uns schwer eine belastbare Antwort bezüglich des Wohlstandes der Menschen zu treffen, da das Bild etwas diffus ist. Schaut man sich nur das Einkaufsverhalten der Menschen an kommt man schnell zum Schluss, dass die Menschen zu viel Geld haben müssen. Auch die Dichte an Luxusshoppingcenter in Verbindung mit dem nicht abreißenden Strom an Kundschaft dort lässt einen nicht aus dem Staunen herauskommen. Es gibt eine nicht übersehbare Schicht an reichen Chinesen für die das Wort „Sozialismus“ keinerlei Bedeutung mehr hat. Das Motto dieser Menschen scheint auch zu lauten: Wer hat der kann… zeigen was er hat. Die Dichte an deutschen Luxusautos ist beeindruckend… selten so viele Porsche gesehen wie hier, sieht man mal vom Firmenparkplatz in Zuffenhausen ab. Aber auch der Mittelschicht scheint es nicht schlecht zu gehen. Auch sie konsumieren bis sich die Balken biegen. Im krassen Gegensatz dazu steht die Zahl der armen Wanderarbeiter, die sich mit einfachen Tätigkeiten über Wasser halten müssen. Auch eine nicht geringe Zahl an bettelnden Menschen bzw. Menschen die sich durch Flaschensammeln ihren Lebensunterhalt verdienen, trifft man ständig in der Stadt an. Man möchte sie am liebsten mal fragen, warum ihnen die Kommunistische Partei Chinas nicht hilft. Das Interesse an den Zuständen aus dieser Richtung ist aber gleich null. Denn es geht nur um den Machterhalt einer Partei. Wie das System darum heißt, ist dabei völlig egal. Und wo wir gerade beim Thema Politik sind. Auch in Peking bekamen wir davon wenig mit. Keine Parolen oder sonstige Propaganda schmückten irgendwelche Hauswände. Nichts. Der Staat ist natürlich immer präsent, hält sich aber meist im Hintergrund auf oder wacht mit Hilfe tausender Kameras. Die Menschen scheinen sich für das Thema aber auch nicht sonderlich zu interessieren, wie wir aus einigen Gesprächen erfuhren. Der Tenor lautete eher: „So lange wir genug zu essen haben, ist uns der Rest egal“. Da stimmt dann auch die Partei mit ein und lässt ungehinderten Konsum zu.

Ein passendes Thema in diesem Zusammenhang ist – die Ente. Ja richtig gehört, wir meinen die berühmte „Peking Ente“. Angie hatte sich in den Kopf gesetzt, diese auszuprobieren. Was das Essen betrifft bin ich ja nie abgeneigt und so leistete ich ihr Gesellschaft. Da wir noch nie „Peking Ente“ gegessen hatten, war die Überraschung umso größer als uns diese serviert wurde. Es sei angemerkt, dass wir zuvor nur eine halbe Ente geordert hatten, in der Annahme es könnte zu viel werden. Selbst wenn es eine Ganze gewesen wäre, der Adler fiel recht mickrig aus. Nach den professionellen Schnitten des Koches stürzten wir uns auf das wenige Fleisch, was aber gut schmeckte. Nun gut, ich freue mich jetzt schon auf Papas Gans zu Weihnachten, da hat man wenigstens was zum Knabbern in der Hand. Und wo wir gerade beim Thema Fleisch sind, ist Fett natürlich auch nicht so weit entfernt. Wir haben uns  auch in Peking wieder sportlich betätigt, soll heißen, wir bewegten uns zu Fuß über das normale Maß hinaus. Aufgrund des quadratischen Grundrisses der Stadt konnten wir unsere täglichen Routen recht gut auf der Karte nachverfolgen und waren erstaunt, dass wir fast jeden Tagen zwischen 12-15 km zu Fuß zurückgelegt hatten. Hut ab!
Bis hinaus zum Olympia Park mit seinem weltbekannten „Vogelnest“ sind wir allerdings nicht gelaufen. An einem späten Nachmittag machten wir uns mit der Metro dorthin auf und schauten uns das riesige Olympiagelände an. Neben dem Stadium gibt es noch weitere Sportstätten zu besichtigen, wie die am Abend in „Blau“ gehüllte Schwimmarena. Auch die Chinesen sind noch heute völlig begeistert und stolz auf dieses Megaereignis in Peking. Davon zeugen auch die täglichen nicht abreißenden Besucherströme zum Areal.

Neben den genannten Sehenswürdigkeiten gibt es in Peking noch jede Menge Weiteres zu entdecken. Da wir aber irgendwann ein Ende finden müssen, schließen wir mit einem abschließenden Tipp: Wer sich gerne Parks und Tempel anschaut dem sei gesagt, dass sich der Besuch des Sommerpalastes wirklich lohnt. Den „Himmelstempel“ mit seinem Park kann man sich hingegen aus unserer Sicht sparen und stattdessen lieber den “Beihai Park“ mit der weißen Pagode anschauen. Wer genug Zeit mitbringt, kann sich natürlich auch das ganze Programm genehmigen.

Das Fazit unseres Pekingaufenthalts fällt sehr positiv aus, auch wenn wir gelegentlich etwas überspitzt formulieren. Es soll ja Spaß machen zu lesen. Die Stadt ist voller Leben und das rund um die Uhr. Viele noch erhaltene traditionelle Bereiche laden zum Verweilen ein und geben authentische Einblicke in das Leben der Menschen. Die Parks der Stadt sind wahre Oasen und bieten reichlich Abwechslung zum Getöse auf den Straßen. Es gibt jede Menge Sehenswürdigkeiten, die es auch würdig sind gesehen zu werden. Nicht zu Letzt fanden wir hier das vielfältigste Angebot der verschiedensten chinesischen Küchen zu moderaten Preisen vor. Insgesamt versprüht diese Metropole einen Charme der nur schwer zu beschreiben ist. Am nächsten kommen vielleicht die Worte aus unserer heutigen Überschrift: Ein lebhafter Mix Chinas.

Nach insgesamt 12 Tagen in Peking wurde es wieder Zeit weiterzureisen. Auch dabei galt es wieder einige Probleme zu bewältigen, waren doch alle Tickets für die Schlafwagen lange vor unserem Reisetermin vergriffen. Da ein Flug nach Chengdu aufgrund der heranrückenden Ferienzeit Anfang Oktober fast 250 € pro Person gekostet hätte, fiel die Entscheidung letztlich doch wieder auf den wesentlich billigeren Zug. Aber leider nur mit Platz im Sitzabteil.
Das nächste Mal werden wir uns dann schon aus Tibet melden. Alle erforderlichen Papiere sind genehmigt, sodass unserer Reise nach Lhasa nichts mehr im Wege steht.

Bis dahin wünschen wir euch alles Gute und eine schöne Zeit.

Eure zwei Weltreisenden

Angie & Thomas